1. Rede: Professor Dr. Roman Herzog

Bundespräsident a. D.
Professor Dr. Roman Herzog

1. Hoffmann-von-Fallersleben-Rede 2002

am Mittwoch, dem 1. Mai 2002, 11.00 Uhr,
im Kaisersaal von Schloss Corvey

Zunächst und vor allem will ich mich für die Ehre bedanken, die es für mich bedeutet, heute in die stattliche Reihe der „Hoffmann­von-Fallersleben-Redner“ einzutreten. Die Nationalhymne – und zwar sowohl ihre Melodie als auch ihr Text – ist selbst in unserer in solchen Fragen relativ kühl gewordenen Zeit ein Gut von hohem Wert und ihre Verfasser verdienen, was immer man sonst von ihnen halten mag, nicht nur abstrakten Respekt, sondern auch sehr kon­krete Aufmerksamkeit. Die Tradition der „Hoffmann-von-Fallersleben-Reden“ steht also auf sicherem Fundament, und das Einzige, was man sich von ihr zusätzlich wünschen möchte, kann sie selbst am wenigsten bewirken: Eine größere, auf alle Regionen unseres wieder vereinigten Vaterlandes ausstrahlende Wirkung. Für mich bedeutet diese Rede – und deshalb habe ich die Einladung besonders gern angenommen – eine Art Wiederkehr an einen Ort, an dem ich jenem August Heinrich Hoffmann, der sich selbst „von Fallersleben“ nannte, zum ersten Male, gleichsam persönlich, begegnet bin. Ich war zu dieser Zeit nicht nur Minister in einem großen Bundesland, sondern auch Professor für Verfassungsrecht und Politik und glaubte allen Ernstes über unsere Nationalhymne und ihre Autoren Bescheid zu wissen: Über die Entstehung des Textes am 26. August 1841 auf der damals britischen Insel Helgoland (weshalb man das Lied im Umkreis meiner Eltern ebenso oft als „Helgoland-Lied“ wie als „Deutschlandlied“ bezeichnete), über die Geschichte des Dichters, der ja keineswegs zu den Einfachen und Stromlinienförmigen seiner Zeit gehörte (weshalb ihn mein Vater, der genau so war, besonders gern mochte), über die Erhebung des Liedes in den Rang der Nationalhymne durch den von mir allzeit verehrten Friedrich Ebert – und was dergleichen mehr ist und Ihnen von mir nicht ein weiteres, wahrscheinlich hundertstes Mal mitgeteilt werden soll.

Was ich aber damals nicht wusste, war, dass Hoffmann seine ruhigsten und wahrscheinlich auch fruchtbarsten Jahre ausgerechnet hier in Corvey, unter dem Patronat des Hauses Ratibor und Corvey, verlebt hatte.

Nun verschlug mich – es muss zwischen 1978 und 1980 gewesen sein – einer der zahlreichen Wahlkämpfe, die unser Land regelmäßig heimsuchen, in die hiesige Gegend, weil es einer geheimen Regel der Wahlkampforganisation entspricht, Redner nicht etwa dort auftreten zu lassen, wo sie ihre Arbeit tun und daher auch halbwegs interessant sind, sondern viel lieber an solchen Stellen, wo sie unbekannt sind, wo man ihnen allerdings – das muss ich zugeben – auch keine größeren Missgriffe und Fehler nachweisen kann. Ich war also hier in der Gegend – wo genau habe ich längst verges­sen -, hatte zwischen zwei Auftritten aus irgendwelchen Gründen ein paar Stunden Zeit, und die nutzte ich zu einem Besuch in Corvey, das mir freilich nicht wegen Hoffmann von Fallersleben bekannt war, sondern wegen der staunenswerten Leistungen, die das Kloster Corvey schon kurz nach den karolingischen Vernichtungskriegen erbracht hat, und vor allem wegen des Mönches Widukind, dessen Chronik ich kurz zuvor gelesen hatte.

Ich betrat die ehrwürdige Klosterkirche und besichtigte sie nach allen Regeln der Kunst; darüber will ich hier nicht berichten. Aber dann drückte ich auf eine Türklinke, wie ich das aus Neugier häufig mache, und stand zu meiner grenzenlosen Überraschung auf dem Ihnen allen bestens bekannten Friedhof, direkt vor dem Grabstein des August Heinrich Hoffmann aus Fallersleben. Ich will die Gefühle, die mir in diesem Augenblick durch Kopf und Zentralnervensystem gingen, hier nicht genauer qualifizieren; denn Gefühle sind auch im Zeitalter der Boulevardpresse privat und gehen nur den etwas an, der sie empfindet. Aber für mich war an jenem Taqe klar, dass ich noch einmal zu entspannterer Besinnung – wiederkommen müsste. Als Bundespräsident wäre das am passendsten gewesen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben – und man hätte mir damals wohl auch nicht die Möglichkeit entspannter Besinnung gelassen.

Und dann kam Ihre Einladung und mit ihr irgendwie das Gefühl, ich dürfte diesen Anruf nicht wieder verbummeln. Der eingehenden und staatspolitisch wertvollen Begründung, die das Einladungsschreiben enthielt, hätte es also gar nicht bedurft.

Aber nun von der Person zur Sache! Das Deutschland- oder, wie man früher auch sagte, das Helgolandlied ist die Hymne der Bundesrepublik Deutschland. So bestimmen es die maßgebenden Erlasse der Bundespräsidenten Heuß und von Weizsäcker, und während der erstere alle drei Strophen des Hoffmann’schen Textes dazu erklärte – mit dem bekannten Hinweis, dass bei öffentlichen Anlässen nur die dritte Strophe gesungen werden solle -, hat der Weizsäcker’sche Erlass diesem Vexierspiel ein Ende bereitet und gleich nur die dritte Strophe zur Nationalhymne bestimmt. Wie auch immer, das Hoffmann’sche Gedicht ist also die Hymne unseres Staates, genau genommen: Es ist der Text dieser Hymne. Damit steht jedenfalls eines fest: Es gehört zusammen mit der Haydn’schen Melodie sowie mit den Farben schwarz-rot-gold und dem Bundesadler zu den so genannten Staatssymbolen – und man ist versucht zu sagen, es habe in den vergangenen fünf Jahrzehnten auch deren Schicksal geteilt. Aber genau diese durchaus nahe liegende Schlussfolgerung stimmt so nicht und bedarf also der Diskussion.

Der Bundesadler führt sein Leben, wie jedermann weiß, unbehelligt, aber auch wenig beachtet auf Standarten, Behördenschildern und Stempeln, nicht zuletzt natürlich an der Stirnseite des parlamentarischen Plenarsaals. Zu ihm gibt es wenig zu sagen, er ist gewissermaßen unproblematisch. Bei den Bundesfarben verhält es sich schon etwas anders. Sie spielen ihre Rolle stets, wenn der Staat und/oder seine Bürger, aus welchen Gründen auch immer, „Farbe zeigen“ wollen oder müssen, aber sie tun es – beispielsweise – auch bei großen Sportfesten, bei Siegerehrungen oder dann, wenn sich die Anhänger einer deutschen Mannschaft als solche ausweisen wollen, und dieser wie manche r andere übliche Brauch ist völlig unproblematisch (jedenfalls solange sich die fahnenschwingenden Fans im Verlauf des Spiels halbwegs fair und anständig präsentieren, den Farben also keine Schande machen).

Viel bedenklicher – übrigens auch viel bedenklicher als manche Verunglimpfung der Farben zu Zwecken politischer Kritik – ist m. E. ihre zunehmende Verwendung im Rahmen der Fernsehwerbung für beliebige Produkte der Wirtschaft. Grundsätzlich ist ja auch dagegen nichts einzuwenden, doch muss es da auch gewisse Grenzen geben. Die Kratzer, die manche unserer Produzenten dem einstigen Gütesiegel „made in Germany“ beigebracht haben, lassen sich auf diese Weise nicht weglackieren – auch wenn der Lack schwarz, rot und golden wäre.

Die Nationalhymne hatte es in den vergangenen Jahrzehnten dem­gegenüber verhältnismäßig schwer. Sie wurde – sagen wir es offen – viel zu selten gespielt und noch weniger oft gesungen, und wir wissen im Wesentlichen auch, woran das lag. Es gab mehrere Gründe, allerdings von durchaus unterschiedlichem Gewicht und unterschiedlicher Einsichtigkeit. Zuerst muss man natürlich ein­räumen, dass es im Leben unserer Mitbürger weitaus weniger Gelegenheiten zum Singen oder Spielen der Nationalhymne als zum Zeigen der Staatsfarben gibt (die ja keineswegs nur in Fahnen- oder Flaggenform dargeboten werden können), und gilt auch, wenn man bereitwillig zugibt, dass man die Nationalhymne durchaus bei mehr Gelegenheiten singen könnte als bei uns üblich (wenn auch beileibe nicht so oft, wie das in manchen anderen Ländern, die ich besucht habe, der Fall ist).

Sodann ist zuzugeben, dass die Nationalhymne angesichts der feinsinnigen Differenzierung zwischen ihren einzelnen Strophen, die Theodor Heuß gemacht hatte, bis 1991 immer den Charakter des Vorläufigen beibehalten hat, den die damals noch westdeutsche Bundesrepublik und ihre Verfassung, das Grundgesetz, im Übrigen längst abgestreift hatten – und wer lernt schon gern einen provisorischen Text?

Belastend waren gewiss auch die immer wieder, wenn auch nur sotto voce aufflammenden Debatten über die erste und dritte Strophe, an denen mir – nebenbei – immer besonders aufgefallen ist, dass die zweite Strophe fast nie diskutiert wurde, obwohl sie, jedenfalls nach meinem Ermessen, am allerwenigsten in eine Staatshymne gehört. Nun, diese Frage zumindest ist seit dem 26. August 1991, dem 150. Geburtstag des Hoffmann’schen Gedichts, beendet, und wenn auch mancher über die seinerzeit getroffene Entscheidung meines Amtsvorgängers etwas murren mag, so ist sie doch richtig und, wie ich glaube, in jeder Beziehung passend ausgefallen – aus mehreren Gründen:

Erstens das „Deutschland, Deutschland über alles“. Ich vermute, wir alle hier im Saal wissen, wie Hoffmann diese Worte gemeint hat und wohin sie gerichtet waren: Nicht nach außen, gegen die Nachbarvölker, sondern nach innen, gegen die Dynastien. Aber einmal abgesehen davon, dass es für eine Hymne nicht gut ist, wenn man ihren Text immer wieder aufs Neue – und noch dazu aus der Defensive heraus – interpretieren und erklären muss, und abgesehen weiterhin davon, dass natürlich auch manche der geografischhistorischen Angaben des Textes Staunen hervorrufen, ist doch auch nicht zu bestreiten, dass Hoffmann von Fallersleben in seiner Zeit zu jenem nationalen Flügel des deutschen Liberalismus gehörte, der sieben Jahre nach 1841, in der Paulskirche, auch zu deren Scheitern beigetragen hat, indem er die Donaumonarchie (die freilich in dieser Frage kein Quentchen besser war) vor Fragen stellte, auf die es zu jener Zeit offenbar keine kompromissfähigen Antworten gab.

Zweitens die dritte Strophe an sich. Sie ist für die heutige Situation unseres deutschen Vaterlandes, für seine äußeren Ziele und seinen „Geist“, ganz einfach die bessere. Einigkeit (auch wenn man sie nicht nur auf „alte“ und „neue“ Bundes­länder bezieht), Recht (zumindest wenn man nicht an den Paragraphendschungel denkt, den moderne Gesetzgeber allenthalben anrichten) und Freiheit (zumindest wenn sie auch zur schöpferischen Tätigkeit und nicht nur zur Freizeitgestaltung dient) sind tatsächlich die Grundlagen unseres Gemeinwesens, und an das Glück, das dieser Besitz für ein Volk bedeutet, dürfen die Deutschen durchaus mitunter erinnert werden, weil sie daran zu sehr gewöhnt sind und es daher nur allzu leicht für selbstverständlich halten. Wenn auch da und dort in etwas anderer Bedeutung als heute: Das waren die Werte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert, das waren die Werte der 1848er, auf deren Schultern wir mehr stehen als auf manchem, was später noch folgte, und so gibt die dritte Strophe des Deutschland-Liedes genau das wieder, was auch die Farben schwarz-rot-gold ausdrücken sollen. Farben und Hymne waren noch nie so kongruent wie heute. Was kann man sich eigentlich mehr wünschen?

Wenn über das Deutschlandlied etwas grundsätzlicher gesprochen wird, bleibt, wie ich schon sagte, die Klage nicht aus, dass man es in der jüngsten Vergangenheit viel zu selten gespielt und gesungen habe und dass sich dieses Defizit auch noch in die Gegenwart fortsetze. Ich halte diese Klage, soweit sie sich mit der bloßen Feststellung des Sachverhaltes begnügt, für richtig: Die Deutschen haben ihre Nationalhymne in den letzten Jahrzehnten tatsächlich weitgehend im Verborgenen gehalten, und wir täten gut daran, einmal in aller Ruhe, aber auch mit allem Ernst darüber zu diskutieren, wo das Absingen der Nationalhymne nun wirklich angebracht ist und wo es eher als aufgesetzt empfunden werden müsste. Die Beispiele anderer Völker, die uns in diesem Zusammenhang immer vorgehalten werden, überzeugen mich auch nicht immer. Bei bestimmten öffentlichen Feiern möchte ich persönlich die Hymne im Regelfall hören, vor dem Beginn einer Opernaufführung, um nur diese weitere Möglichkeit zu erwähnen, reicht mir dagegen der unverzügliche Beginn der Ouvertüre durchaus.

Widersprechen muss ich aber der Begründung, die bei solchen Äußerungen meist noch hinzugefügt wird: Dass auf diese Weise das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, das Nationalbewusstsein also, und damit unser Gemeinwesen als solches entscheidend gestärkt werde. Darauf möchte ich etwas näher eingehen, denn hier wird m. E. die Ursache mit der Wirkung verwechselt und es wird, was sehr viel schlimmer ist, über das eigentliche Problem unseres Gemeinwesens hinweggetäuscht.

Ich habe es bereits gesagt: Die Nationalhymne gehört – zusammen mit dem Bundesadler und den Farben schwarz-rot-gold – zu den Staatssymbolen. Symbole aber stehen nicht für sich, sondern für etwas anderes, gewissermaßen „hinter ihnen Stehendes“. Von ihnen geht daher keine eigenständige Kraft, keine Wirkung aus, die nicht auch schon dem symbolisierten Gegenstand zu eigen wäre – so wie ja auch nicht die Buchstaben, aus denen der Faust gedruckt ist, ein Kulturgut höchsten Ranges sind, sondern eben der Faust, das dramatische Gedicht, selbst. Die Schlussfolgerung daraus heißt: Die häufigere Präsentation unserer Staatssymbole, einschließlich der Nationalhymne, nützt gar nichts oder nur wenig, wenn wir unser inneres Verhältnis zu unserem Staat, zu unserem Volk und damit zur deutschen Nation nicht in Ordnung bringen oder zumindest – ich bin und bleibe Optimist – nicht in Ordnung halten. Darüber kann ich an einer Stelle wie dieser hier nicht völlig schweigen.

Es trifft ja einfach zu, dass wir Deutsche, zumindest in den letzten Jahrzehnten, mit unserer Nation und unserem Staat unsere beträchtlichen Schwierigkeiten hatten. Die fürchterlichen Auswüchse unseres Nationalismus haben dafür ebenso Pate gestanden wie die Folgen, die sich einerseits in den Verbrechen des Dritten Reiches, andererseits in dem totalen Zusammenbruch von 1945 manifestierten. Es trifft zwar nicht ganz den Kern der Sache, ist im Prinzip aber doch richtig, dass es in der Konsequenz Adenauer’scher Politik lag, die nationale Frage zunächst einmal auszuklammern (so wie man ein gebrochenes Bein in Gips legt). Damit war dreierlei gewonnen: Erstens das Verhältnis zu den Deutschen in der DDR konnte offen gehalten bleiben, zweitens war es den weltweit disqualifizierten und diskriminierten Deutschen leichter, mit einer übernationalen, europäischen Attitüde auf die internationale Bühne zurückzukehren, und drittens war nach dem Ende des alten Europa, das 1914 schon eintrat, das 1945 aber endgültig besiegelt war, klar, dass die europäische Option ohnehin die Option der Zukunft sein würde. Wäre das alles nicht nur ansatzweise, sondern vollständig richtig gewesen, so hätte sich auf diese Weise sogar die eigentliche Crux des deutschen National­gedankens überwinden lassen: Dass die deutsche Nation – nicht wie etwa die französische – jahrhundertelang in einem geschlossenen, fest umgrenzten und auch von niemand angezweifelten Staatsgebiet entstehen konnte, sondern sich auf einem keineswegs exakt abgegrenzten Gebiet, ausgerechnet im Herzen Europas und zwischen mehr als einem halben Dutzend Nachbarn – ohne staatliche Grundlage und gegen einige Dutzend eigene Dynastien durchsetzen musste – was einerseits zu schmerzhaften Abgrenzungsvorgängen wie 1866 und andererseits zu den Übertreibungen und Überspitzungen führen musste, die alle „verspäteten Nationen“ Europas durchlebt haben (nur eben mit deutscher Gründlichkeit).

Die Dinge liegen heute klarer als noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Österreich ist ohnehin seit den vierziger Jahren kein Problem mehr und die deutsche Teilung ist seit über zehn Jahren überwunden, zumindest politisch. Geblieben ist jedoch, wenn ich recht sehe, das Problem mit Staat und Nation, und solange wir Deutschen das nicht im Griff haben, werden wir auch keinen unverkrampften Umgang mit den sie repräsentierenden Staatssymbolen finden.

Da ist zunächst das, was man den Umgang mit unserer Geschichte nennt. Die Bezeichnung ist ungenau, weil sie nur die verfluchten zwölf Jahre meint, sprachlich aber zwölf bis fünfzehn Jahrhunderte trifft. Bleiben wir also bei den zwölf Jahren. Was damals geschehen st, an anderen Völkern und vor allem an den Juden, wird auf ewig mit dem deutschen Namen verbunden bleiben. Daran ändern weder Wiedergutmachungsleistungen etwas noch die friedliche Geschichte unseres Volkes seit 1945, weder die kulturellen Leistungen länger zurückliegender Zeiten noch die Gewalttaten, deren Opfer vor und nach 1945 auch Deutsche wurden. Nur: Es ändert auch nichts, wenn wir unse­re Volkszugehörigkeit aufgeben oder gar verleugnen. Sie können sicher sein: Das nehmen uns die anderen Völker nicht ab, weil für sie das Bekenntnis zu ihrer Nationalität eine solche Selbstverständlichkeit ist, dass sie alles andere bestenfalls als Trick verstehen, um sich aus dem historischen Zusam­menhang heraus zu stehlen, und noch dazu als einen ziemlich windigen Trick.

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als unsere Geschichte so anzunehmen, wie sie nun einmal war, nichts zu vergessen und nichts zu verschweigen, aus ihren bösen Seiten die eiserne Verpflichtung herzuleiten, dass sie sich niemals wiederholen dürfen, und aus den guten Seiten die Hoffnung, dass uns das gelingt. Als Bundespräsident habe ich versucht, genau das vorzuleben: Die Schuld nicht wegzuretuschieren, dabei das eigene Licht auch nicht unter den Scheffel zu stellen und mit beidem Vertrauen zu schaffen. Im privaten Leben ist es ja nicht anders: Realitätssinn, Wahrheitsliebe und Bereitschaft zum Lernen haben immer noch am weitesten geführt. Ich sehe nicht ein, warum das bei Völkern anders sein sollte, und ich finde, genau das symbolisieren unsere Farben und unsere Hymne am allerbesten.

Während dieses Problem uns noch auf nicht absehbare Zeit begleiten und auch nie wirklich lösbar werden wird, halte ich ein anderes, ebenso ernsthaft diskutiertes eher für ein Scheinproblem, wie sie unter uns Deutschen besonders angelegentlich traktiert zu werden pflegen. Sie ahnen gewiss schon, worauf ich hinaus will: Auf die Frage nämlich, ob denn in dem immer enger werdenden Organisationsgeflecht, das man als Europäische Union bezeichnet, für Nationen, Staaten und gar Nationalstaaten überhaupt noch Platz sei – und, so ist dann wohl die Schlussfolgerung, wo kein Staat da keine Staatssymbole und wo keine Nation da auch keine Nationalhymne. August Heinrich Hoffmann, genannt von Fallersleben, würde sich unter diesen Umständen also samt seines Helgoländer Gedichts ins Nichts auflösen.

Aber so einfach ist auch diese Sache nicht, gleich ob sie besorgt oder hämisch unterfüttert wird. Denn auch mit der Auflösung von Staaten, Nationen und Nationalstaaten hat es gute Wege. Gewiss sie haben irgend einmal in einer historischen Phase ihren Anfang genommen und werden infolgedessen auch irgendwann einmal ihr Ende finden; Ewigkeitswert haben sie allesamt nicht, so wenig wie irgendetwas anderes Menschliches Ewigkeitswert besitzt. Bis dahin aber ist es empfehlenswert, die Begriffe klar zu definieren und nicht weniger klar auseinander zu halten, und da sehen wir zunächst einmal, dass eine Nation etwas anderes ist als ein Nationalstaat und dass selbst mit diesem Wort zwei – zumindest zwei – sehr unterschiedliche Sachverhalte belegt werden können. Lassen Sie uns das zum Ende meiner Ausführungen also etwas genauer auseinander legen!

Beginnen wir mit der Nation. Nation ist ein Volk (und ein Volk sind wir Deutschen allemal), das sich selbst als politische Schicksalsgemeinschaft und damit als Aktionsgemeinschaft versteht und das – daran halte ich fest – in einem eigenen Staat zusammenleben will. Diese Voraussetzungen erfüllt das deutsche Volk spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, und dass es dabeiSchuld und der historischen Brü­che seit 1933 geblieben ist, hat sich in den Jahren 1989 undübrigens auch seither) auf nachdrücklichste Weise bestätigt. Das wird sich, soweit wir heute voraussehen können, auch in einer Europäischen Union nicht ändern. Ob Charles de Gaulle Recht hatte, als er von einem Europa der Vaterländer sprach, will ich hier offen lassen. Dass die Europäische Union aber auf lange Sicht eine Gemeinschaft sein wird, in der verschiedene Nationen leben, darin bin ich mir ganz sicher. Europa mag so notwendig und so stark sein, wie es will: Auch unsere Enkel und Urenkel werden sich noch als Deutsche empfinden, und bei unseren Nachbarn, den Franzosen, den Spaniern, den Italienern usw., hat daran ja ohnehin nie jemand den geringsten Zweifel gehegt.

Diese nüchterne Feststellung wäre an sich schon ein Argument dafür, sich der nationalen Symbole be­wusster als bisher zu bedienen. Wenn die deutsche Nation nach wie vor besteht und in Zukunft auch weiterhin Bestand haben wird, kann man sich zu ihr auch bekennen, und dass das auf hergebrachte Weise – Zeigen der Farben, Singen der Hymne – geschieht, liegt dann zumindest nicht fern. So halten es andere Nationen und ich sehe keinen Grund, warum wir Deutschen uns anders verhalten sollten.

Es sei denn, zum Führen dieser Symbole gehöre ein Staat und die zusammenwachsende Europäische Union löse die Nationalstaaten ins Nichts auf. Das sind zwei Fragen, aber die erste, rein theoretische, kann ich hier ungeprüft lassen, weil die zweite, allein praktische, klar zu verneinen ist. Die Europäische Union wird, soweit wir vorausschauen können, nie zur Beseitigung der Nationalstaaten führen, das ergäbe sich nicht einmal, wenn die deutschen Blütenträume von einem europäischen Bundesstaat in Erfüllung gingen. Sie wissen ja, dass man im deutschen Föderalismus auch den Ländern Staatsqualität zuschreibt, und anders würde es sich innerhalb der Europäischen Union erst recht nicht verhalten können. In diesem Sinne wird der Nationalstaat also mit Sicherheit fortbestehen und damit auch Objekt eines Zugehörigkeitsgefühls seiner Bürger, d.h. aber auch Objekt von staatlichen Symbolen sein. Bei den deutschen Bundesländern ist das ja genauso.

Aber das ist eben nur der eine Begriffsinhalt der Vokabel „Nationalstaat“. Der Nationalstaat des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts war – bei allen negativen Auswüchsen – mehr. Er nahm für sich die ausschließliche politische Kompetenz auf seinem Territorium in Anspruch – kein anderer Hoheitsträger durfte auf diesem Territorium aktiv werden – und er besaß deshalb auch Aufgaben, die heute, zumindest bei den Mittelstaaten, zu denen die Bundesrepublik Deutschland gehört, längst internationalisiert sind; ich erwähne nur die Landesverteidigung und die Verantwortung für den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt, die einst Preußen und dann das Bismarck’sche Reich so attraktiv gemacht haben. Diese Funktionen sind heute – und zwar unumkehrbar, weil aus zwingenden Gründen – „nach oben“, zu Weltmärkten und internationale Organisationen abgewandert und sie haben sich zugleich in einem Maße entwickelt, das gerade bei den Nachdenklichen nicht mehr nur Bewunderung und Begeisterung, sondern – eben – auch Nachdenklichkeit hervorruft – die militärische Seite der Sache ohnehin, zunehmend aber auch der technische und wissenschaftliche Fortschritt.

Die Folgen liegen auf der Hand: Die Strahlkraft, die der „moderne“ Staat einmal besessen hat, ist dahin, gleichgültig ob man das zu begrüßen oder zu beklagen geneigt ist. Die heutigen Staaten Europas sind Verwaltungsstaaten, die sich vorwiegend mit Infrastrukturpolitik im weitesten Sinne und mit sozialen Leistungen beschäftigen, dort auf immer weiter zunehmende Erwartungen ihrer Bürger stoßen, diese Erwartungen auf die Dauer aber nicht mehr erfüllen können und damit mehr Enttäuschungen als Erfolgserlebnisse vermitteln. Sie sind zu überforderten Staaten geworden – und welche Strahlkraft hat schon ein überforderter Staat?

Hier liegt die Wurzel des Übels. Manche von uns sehen sie, manche leugnen sie immer noch, und keiner hat bisher eine Remedur gegen das Übel gefunden. Meine Meinung dazu will ich Ihnen nicht verschweigen (soweit sich eine Meinung bei mir schon gebildet hat): Auf die Strahlkraft des Staates könnte ich verzichten, zumindest soweit sie zu Überheblichkeit führen könnte. Die Abkehr von der permanenten Überforderung des Staates durch seine Bürger – und seine Politiker! – erscheint mir dagegen unvermeidlich. Aber wahrscheinlich handelt es sich hier nur um zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Kehren wir zu Hoffmann aus Fallersleben zurück. Wenn ich recht sehe, haben wir hier den Grund dafür gefunden, dass unsere Nationalhymne – wie die anderen Staatssymbole auch – im Bewusstsein unserer Bürger eine so viel geringere Rolle spielen als – etwa im Bewusstsein ihrer Ur- oder Ur­Ur-Großeltern. Bei Einigkeit und Recht und Freiheit muss es trotzdem – oder gerade deshalb – bleiben. Aber vielleicht sollten wir im Zeitalter des restlos überforderten Staates auch auf den Rest der Strophe achten:„Blüh‘ im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland!“ Und wir sollten darüber nachdenken, was das ist, das Glück des Vaterlandes. Dazu sind gänzlich neue Gedanken nötig.

Nachdruck des von Bundespräsident a.D. Prof. Dr. Roman Herzog freundlicherweise zur Verfügung gestellten Manuskripts mit dem Hinweis: „Das gesprochene Wort gilt“.