15. Rede

Rede von Björn Engholm

anlässlich der Verleihung der Hoffmann-von-Fallersleben-Medaille in Schloss Corvey am 1. Mai 2016

 

Einigkeit und Recht und Freiheit –

Europas Weg in die Zukunft.

Durchlaucht, verehrte Festversammlung,

es ist mir als passioniertem Hanseaten, als Kind der alten Hansestadt Lübeck – die auf eine lange bürgerliche Geschichte der Reichsfreiheit zurückblickt – eine besondere Ehre, auf Schloß Corvey zu Höxter die diesjährige Hoffmann von Fallersleben-Rede halten zu dürfen.

Herr Dr. Stoltz hat mich im Vorwege mit Myriaden von Material versehen, dessen Sichtung ergab, wie zu befürchten, dass es ungewöhnlich schwer sein werde, dem Gehaltvollen des schon Gesagten noch etwas substantiell Ungesagtes hinzuzufügen – zumindest was die historische Würdigung Hoffmanns betrifft. Folglich will ich nach einer Brücke suchen zwischen seinem leidenschaftlichen Ringen um die nationale Einheit der Deutschen und dem mühevollen, nur bedingt erfolgreichen Ringen um die kontinentale, die „abendländische“ Einheit.

Zuvor jedoch mögen Sie mir einige Anmerkungen gestatten zu Verbindungen Höxter und Corvey sowie Hoffmann  zu meiner Geburts- und Heimatstadt Lübeck, zu dem sie beherbergenden Schleswig-Holstein und dessen Nachbarn Mecklenburg.

Beiden Städten, Höxter wie Lübeck, wurde eine bedeutsame Auszeichnung zuteil: Höxter erhielt 2014 für das „Karolingische Westwerk und die Civitas Corvey“ den Status eines Weltkulturerbes, eine Ehrung, die der gesamten Altstadt Lübecks bereits 1987 widerfuhr – europäische Stätten von historischem Rang, inklusive der Verpflichtung, den europäischen Kern dieses Erbes zu pflegen.

In der lübschen Altstadt befindet sich eine zauberhafte kleine Rippenstraße, die „Hüxstraße“. Eben hier erwarb 1296 ein Hinricus von Huxaria (also Höxter) ein Anwesen und gab der Straße vermutlich ihren Namen. Welch‘ eine frühe und schöne Verbindung der beiden Gemeinwesen!

Und als jüngst im Industriemuseum meiner Stadt ein Liederabend unter dem Titel „Weil jetzt die Freiheit blüht“ stattfand, kamen Texte von Heine, Freiligrath, Herwegh und natürlich Hoffmann zu Gehör.

Bei der Gelegenheit tauchten Erinnerungen auf an Hoffmanns Beziehungen zu Lübeck und Norddeutschland. So etwa an seine Teilhabe am legendären Sängerfest im Juli anno 1847 zu Lübeck. Eingeleitet wurde das Fest mit einem Lied des hansestädtischen Nationaldichters Emanuel Geibel – und beendet mit einem rauschhaften, aus 1800 Kehlen erschallenden „Lied der Deutschen“. Hoffmann notierte, es sei „das schönste und großartigste Fest dieser Art“, das er je erlebt habe. Ähnliches bekundeten übrigens auch die Teilnehmer des gleichjährigen Germanistentages, an dem fünf der „Göttinger Sieben“ und der noch unbekannte spätere Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen teilnahmen: Ereignisse gemeinsamen Freisinns!

Dass Hoffmanns Lied den Höhepunkt des Sängerfestes markieren konnte, ist dem Umstand zu danken, dass er sechs Jahre zuvor auf dem kargen, aber symbolträchtigen (und zu Großbritannien gehörenden) Felseiland in der Nordsee seine Hymne schrieb: im Gefühl der Menschen vor der schleswig-holsteinischen Haustür!

Dass er mit den Menschen hinter dieser Haustür, den Schleswigern und Holsteinern gelegentlich haderte, darf der Wahrheit halber nicht  unerwähnt bleiben. Nach einer Reise durch die beiden Herzogtümer schrieb er ihnen ins Stammbuch, in ihnen stecke doch leider „das Dänische zutiefst …“. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, 1863 sechs Lieder für den Freiheitskampf gegen die Dänen zu schreiben:

„Noch einmal zum Gefechte für Schleswig-Holsteins Rechte!“

Lieder, die zu einem kraftvollen Movens für die Befreiung der Norddeutschen von dänischer Herrschaft wurden – und bis heute bei historischen Feierlichkeiten zitiert werden.

Lange zuvor, 1840, hatte Hoffmann seine höchst politischen „Unpolitischen Lieder“ veröffentlicht; er wurde damit – neben Herwegh – zum auflagenstärksten Dichter seiner Zeit: 20.000 und mehr Exemplare kamen in kurzer Zeit in Umlauf, selbst für heutige Verhältnisse eine für Lyrikbände enorme Größe. Da Texte und Melodien einfach und somit einer breiten Bevölkerung zugänglich waren, wuchs ihre Verbreitung weit über die ersten gedruckten Auflagen hinaus. Die preußischen Staatsorgane, weit weniger liberal als ihr gelegentlicher historischer Ruf, reagierten mit Härte, belegten Hoffmann mit Berufsverbot und verwiesen ihn des Landes. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg bereits um die 100.000 Bücher gedruckt und vertrieben!

„Die „Unpolitischen Lieder“ mehr zu vertreiben,

hat man sie verboten zu rechten Zeiten.

Und jeden, der nie an Lieder gedacht,

nach diesen Liedern recht lüstern gemacht!“

schrieb Hoffmann, aber wohl wissend, dass Berufsverbot und Pensionsverlust einen tiefen Einschnitt in seinem Leben bedeuten würden.

Als er auf einem Gutshof im Mecklenburgischen neue Heimat fand, kam mittelbar noch einmal Lübeck ins Spiel: der Gutsbesitzer Rudolf Müller, der ihn aufnahm, war lange Jahre Eigentümer des ansehnlichen Gutes Brandenbaum zu Lübeck (wo Müller auch 1890 verstarb).

Schließlich, nicht endlich, als Hoffmann seine vorübergehende Heimstatt in Mecklenburg fand, lebte unweit in einer kleinen Kreisstadt mein Großvater väterlicherseits und tat dort seinen Dienst als Posthalter, mäßig besoldet, aber stets hoch dekoriert mit Kriegsorden (70/71) und vielerlei Verdienstmedaillen. Gadebusch heißt der Ort, den Hoffmann schon im September 1841, von Ratzeburg kommend, durchquerte.

Der alte Herr war ein durch und durch zutiefst überzeugter Royalist, den Großherzögen von Mecklenburg-Schwerin (Friedrich Franz II, III, IV) ebenso treu ergeben wie seinem Kaiser. In politischen Gefühlen mag er Hoffmann nicht nachgestanden haben, dessen Freiheitsideen aber war er sicher nicht zugeneigt. Und gottlob konnte er nicht ahnen, welcher politischen Sache sich sein Enkel einmal verschreiben würde ….

Als Hoffmann 1841 „Das Lied der Deutschen“ schrieb, bewegte ihn ein tiefes patriotisches Credo, das er drei Jahre hernach in einem Gedicht inhaltlich ausdifferenzierte. In seiner „Uralten Nationalhymne“ heißt es:

„Was ist des Deutschen Ehr und Ruhm?

Was nennet er sein Eigentum?“

und dann folgen die Programmsätze des Vormärz:

Verfassung zeitgemäß und fest,

die sich nicht untergraben läßt.

Festes Wort und freier Sang,

nirgends Lehr- und Glaubenszwang.

Mündlich öffentlich Gericht,

gleiches Recht, Geld, Maß, Gewicht

Freier Handel und Verkehr

im deutschen Land und übers Meer.

Deutscher Länder Einigkeit,

daheim und draußen Sicherheit.

Das ist inhaltsschwerer als der bloße Text des „Liedes der Deutschen“, anders formuliert: es gibt dem Deutschlandlied seine nahezu zeitlose Substanz!

Sein „Deutschland über alles“ war, programmatisch so unterfüttert, eine vollkommen auf die Patria bezogene jungfräuliche Sehnsucht nach Einheit in Freiheit, deren spätere imperiale Ausbeutung all‘ seinen hehren Intentionen zuwider lief, ja, sie in ihr Gegenteil verkehrte.

Die perfide Umdeutung, das Kaputtsingen dieser seiner Intentionen durch die Nationalsozialisten; der gnadenlose Verrat an unschuldigen Begriffen wie Nation, Heimat, Volk, Kultur, Einheit; ihre Inanspruchnahme für Unterdrückung, Hass, Krieg, Annektion, für Vernichtung von Mensch und Kultur – das hat uns das Singen der Hymne lange außergewöhnlich schwer gemacht. Und bis heute hat die 3. Strophe den Rang, den sie als einigendes Staatssymbol besitzen sollte, nicht wirklich erlangt. Das schmerzt gelegentlich sehr, zumal wir an einigenden Staatssymbolen eher arm sind. Und es bedrückt, wenn das Deutschlandlied ausgerechnet bei Box- oder Fußballweltmeisterschaften ver-popt, zer-murmelt oder ver-sungen wird … Multi hin und Kulti her: ein wenig mehr Elan wäre der Hymne angemessen und täte den Deutschen gut ….

Hoffmann legte seine ganze Kraft, seine Überzeugungen, all‘ seine Leidenschaft in die Überwindung der autokratischen Kleinstaaterei – zur Schaffung einer geeinten und freien Nation; so, wie sie andere Völker in Europa – wenn auch nicht gänzlich in Freiheit – schon lange ihr eigen nannten ….

Sein Blick auf das Übernationale allerdings blieb, da er seine Kräfte aufs Nationale konzentrierte, seltsam getrübt. Ja, innerlich bewegt durch die Rheinkrise 1840/41, als Frankreich seine begehrliche Hand zum Rheinland streckte, schlich sich Martialisches in sein Denken ein. In einem Brief an Adolf Strümpell (Kriegsjahr 1870) schreibt er:

„ … und läßt uns nur den Haß übrig,

den Haß gegen dies‘ verworfene Franzosen-

Geschlecht, diese Scheusale der Menschheit, dies tollen

Hunde, diese grande nation de l’infamie.“

Da waren denn doch viele seiner vor wie nach ihm geborenen geistigen Zeitgenossen weitaus supranationaler orientiert als Hoffmann selbst.

Novalis (1772-1801) etwa träumte von einem geistlichen Reich Europa, einer „heiligen Zeit“ des ewigen Friedens, tief christlich wohl, aber mit Weitblick. Schiller (1754-1805), der Sesshafte, dachte und dichtete europäisch: „Seid umschlugen Millionen!“

Goethe (1749-1832) antwortete auf die Kritik, dass er nichts Anti-Französisches dichtete: „Wie hätte ich Lieder des Hasses schreiben können ohne Hass? Wie hätte ich auch eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört?“ (Goethe an Eckermann 1830). Und im „West-Östlichen Diwan“ notiert er: „Und was franzet oder britet, italienert oder teutschet – einer will nur, wie der andere, was Eigenliebe heischet.“

Thomas Mann urteilt in einem Essay über Goethe: „Er war das Europäischste auf deutsch – ein europäischer Deutscher!“

Die Schlegel-Brüder Friedrich (1772-1829) und August (1767-1845) bereisten Europa und gaben eine Zeitschrift diesen Namens heraus.

Richard Wagner (1813-1883) war alles andere als Deutschtümler oder gar Nationalist; er verstand sich explizit als europäischer Künstler, der nach kontinentaler Universalität strebte.

Auch Nietzsche (1844-1900) blickte weit über die nationalen Grenzen hinaus: „Wir sind nicht deutsch genug, um dem Nationalismus und dem Rassenhass das Wort zu reden? Wir sind gute Europäer!“ Und er verwahrte sich energisch dagegen, zum Inbegriff bloßen Deutschtums stilisiert zu werden…

Sie alle spürten, wie aus friedlicher Liebe zur Nation, aus einem Patria-Hochgefühl sukzessive Überheblichkeit, Hochmut, Über-alles-Gefühle wachsen könnten – und riefen, noch nicht politisch-explizit, die europäische Dimension ins Bewusstsein, zumindest im Geistig-Kulturellen …

Bis aus dem Gefühl für kontinentales Denken Realität wurde, verging mehr als ein Säkulum. Und es bedurfte dreier jeweils grausamer werdender Kriege (70-71, 14-18, 39-45) um aus dem Gefühl eine Idee zu machen und ihr zum Durchbruch zu verhelfen.

Wie weiland Hoffmann die Kleinstaaterei zu überwinden trachtete, so machten sich nach der Apokalypse 1945 die Gründerväter auf den Weg, um – unter Beibehalt der Nationalstaaten – ein geeintes und freies Europa zu schaffen. Ein Europa, in dem Deutschland nun nicht mehr von der Maas bis an die Memel, aber doch von der Förde zu den Alpen (und seit 1989 bis zur Oder-Neiße) seinen Platz unter den freien Völkern einnehmen durfte.

Was Schumann, Adenauer, Churchill, Spaak, Hallstein, de Gasperi, Mansholt, Spinelli, Monet, Bech und Beyen zunächst mit der Montan-Union (EGKS) schufen, was später zur EWG, zur EG und schließlich 1993 zur EU führte, war der Aufbruch zu ganz neuen Ufern, gänzlich jenseits engen Nationalstaatsdenkens, ein Weg aus der Enge hin zu grenzenloser Weite.

Über gut sechs Jahrzehnte hat uns der Weg zum gemeinsamen Europa Frieden geschenkt, Freiheit gemehrt, Sicherheit geboten – und mehr Gemeinsamkeiten in guter Nachbarschaft denn je zuvor in der Geschichte.

Wenn ich mich erinnere an die Fahrradtouren in den 50er Jahren, nach Dänemark und Norwegen oder Holland, Belgien und Frankreich, an die oft unwürdigen Kontrollen, die Geldwechselorgien, das Mißtrauen, das gerade uns jungen Deutschen noch entgegen schlug – welch‘ ein Segen, dass wir die Straße in das gemeinsame Haus Europa beschritten haben …

Man sollte meinen, dass die schrecklichen Lehren einer langen Geschichte der Trennungen, aber ebenso die positiven Erfahrungen von nunmehr sechseinhalb Jahrzehnten der Gemeinsamkeit Anlass genug wären, die neue Union mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, zu pflegen und auszubauen – in der absoluten Gewissheit, dass in der heutigen global verzahnten Welt die Lösung nahezu aller Probleme in nationalen Alleingängen ebenso wenig möglich ist wie die Entwicklung phantasievoller Zukunftsentwürfe.

Aber weit gefehlt, wie ein Blick auf den Zustand Europas offenbart. Schon lange ist die Faszination Europas geschrumpft auf ’s Materielle, auf Ökonomie, Finanzen, Haushalte und zahlloser Detailregelungen – ein Faktor allenfalls in globalen Standort-Rankings; und politisch bleibt es, trotz 28 Mitgliedstaaten und über 500 Millionen Menschen, im Politischen doch nur ein internationaler Partner im Junior-Format.

Gegenwärtig bietet der Kontinent ein Bild der Uneinigkeit, wachsender Partikularinteressen und unheilvoller Zündstoffe:

der Ukraine-Konflikt reißt neue Gräben auf, an dessen Rändern die USA und Russland längst überholt geglaubte Ressentiments wieder aufpolieren;

junge, hoffnungsvolle Demokratien wandeln sich zu Autokratien (Ungarn, Polen, Russland, ebenso die Atatürks Vorbild ignorierende, aber auf EU-Mitgliedschaft drängende Türkei ….);

der militante Islamismus wird zur manifesten Bedrohung mitten im Herzen Europas;

dramatische wirtschaftliche und soziale Ungleichgewichte und horrende Haushaltsdefizite zwischen den Mitgliedern der Union bedrohen nicht nur langfristig ihre Stabilität;

und die Zuwanderung, nur vorübergehend durch Grenzschließungen gebremst, spaltet die Union wie unser Volk tiefer als alle Krisen zuvor ..

Von der Faszination der Gründerväter nach dem 2. Weltkrieg, von der Vision eines vereinten, starken, friedlich-demokratischen Kontinents, von blühender Zukunft, ist derzeit wenig zu spüren. Die europäische Identität schwindet, Grenzen werden neu gezogen, nationale Egoismen gewinnen Überhand und schreckliche Ideologien (bis hin zu rassistischen) feiern Urständ. Europa? Eine in Zerrüttung befindliche Familie. Das Abendland? Dunkler als sein befrifflicher Ursprung!

Vielleicht müssen wir tiefer graben, viel tiefer, um auf die singulären Schätze unseres Erdteils zu stoßen. Auf jene Schätze, die mehr wert sind als die vordergründigen Vorteile einer Völker-Union, mehr wert als Reisefreiheit, liberaler Handel und Wandel, wirtschaftliches Wachstum und Sozialität. Auf Schätze, die das alles erst ermöglichen, fundieren – und Basis sein könnten für ein revitalisiertes Europa-Bewusstsein.

Europa stammt begrifflich wohl aus dem Semitischen, wird gräzisiert und bezeichnet im Phönizischen „das Dunkle“, woraus sich später das „Abendland“ ableitet. Der Name hält zunächst Einzug in die griechische Mythologie.

Da verliebt sich Zeus in die Europé, die mit dem „weiten Blick“, die schöne Tochter des phönizischen Königs Argenor. Zeus entführt sie (um der Eifersucht seiner Frau Hera zu entgehen, als Stier verkleidet), unter Mithilfe von Hermes nach Kreta, wo er mit ihr drei Kinder zeugt.

Noch haben die Hellenen, wie später übrigens auch die Römer – trotz kontinentaler Ausdehnung des römischen Imperiums – kein genuines Bewusstsein vom Raum Europa. Und auch der Gattungsbegriff des „europäischen“ Menschen existiert demnach zu jener Zeit nicht.

Nur im Kopf des griechischen Arztes Hippokrates von Kos, des Begründers der medizinischen Wissenschaften, entsteht ein vages Bild des „Abendländers“: er sei mutig, freiheitsbewusst und kampfbereit, ganz im Gegensatz zum „Morgenländer“ – ein Stereotyp, das sich lange gehalten hat, hier und da bis heute.

Wo die „Abendländer“ leben, umreißt als erster der Historiker und Geschichtsschreiber Herodot: „nördlich des Mittelmeeres“….

Ganz zweifelsfrei haben Griechen und Römer die Wurzeln des Abendlandes gepflanzt und begossen, nur eines waren sie nicht: die Gründer Europas im räumlich-politischen Sinne (auch wenn sie uns im stark idealisierten Antikenbild so erscheinen ….).

Europa als werdende Einheit ist ein Produkt des frühen Mittelalters, exakter: des unaufhaltsamen Vormarsches der christlichen Lehre. In einer ersten Welle überzieht das Christentum im wesentlichen das Imperium Romanum (bis zu dessen Ende im 6. Jahrhundert); in einer zweiten dann rollt die Welle nach Norden und Nordosten, bis in die „barbarischen“ Teile Europas, um letztlich auch die hart gesottenen „Eichenmänner“ oder „Seegoten“ genannten Wikinger unters Kreuz zu zwingen. Und damit stoßen wir auf einen der drei Kerne, die Europa und seine Sonderheit ausmachen.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat anlässlich einer Lesung im Studium Generale der Lübecker Universität die „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ seines berühmten Landsmannes Jacob Burckhardt gewürdigt und die Frage, was denn Europa substantiell sei, mit Burckhardts Verweis auf die Athener Polis beantwortet – in ihr seien die Fundamente Europas sichtbar:

der Parthenon als Symbol der Religion, des Glaubens, der Werte;

der Dionysos-Tempel als Ort der Sinne, der Kultur, und

die Agora als Platz kluger Gestaltung der Polis.

Die Orte seien gleichberechtigt gewesen, dennoch habe die Kultur Maßstäbe für alle gesetzt: für die Religion, die die Vermittlung von Glaube, Ethos und Moral kunstvoll zu pflegen habe; für die Bürger, indem sie sie animiere, ihre Sinne zu aktivieren, zu sensibilisieren und kreativ zu sein; für die Politik, die den Staat kunstvoll – im Handwerklichen, in Form und Stil, in Sprache und Diskurs – öffentlich einsehbar zu gestalten habe.

Folgt man diesem Gedankengang, stößt man auf die historischen Bewegungskräfte Europas, auf die Basislinien der kontinentalen Entwicklung. Derer sind drei, und sie sind weitgehend identisch mit den Burckhardtschen.

Ad eins der lange, mühevolle, aber unaufhaltsame Weg zu rationalem Denken, von der griechischen Philosophie und Wissenschaft über die Scholastik, die Schulen des Humanismus und der Empirie hin zur Aufklärung bis zu den Wissenschaften unsere Tage. Sich seines Verstandes zu bedienen und aus selbstverschuldeter Unmündigkeit befreien, Stereotypen aller Art entlarven, immer wieder fragen, analysieren, forschen:

seit Kant spätestens ein unumkehrbares, wenngleich unvollendetes Projekt.

Ad zwei der von der Römischen Kirche verbreitete christliche Glaube mitsamt seiner jüdischen Wurzeln: ein Wertekosmos, der alles durchdringt und Orientierung allen verantwortlichen, auf Ethos gründenden Handelns ist. Auch wenn die Kirche im Laufe der Jahrhunderte gegen viele ihrer postulierten Glaubenssätze verstieß – eine zeitgenössische Ethik ohne die Maximen der Schrift ist nicht vorstellbar. Die Ausbildung eines so dringend nötigen Weltethos gar, einer Charta übereinstimmender Wertorientierungen zwischen den großen Glaubensrichtungen der Welt (für die der katholische Theologe Hans Küng seit langem wirbt), ist ohne christlichen Eintrag unmöglich.

Ad drei dann die Welten der Kultur, der Künste im Besonderen, die Europa die weltweit größte, vielfältigste und unerschöpflichste Quelle wacher Sinne, der Imagination, Intuition und    phantasievoller Kreationen schenken. Literatur, Musik aller Gattungen, Darstellende und Bildende Künste, Architektur und Design: nirgends existiert ein solcher Fundus für unbegrenztes kunstvolles Schöpfen wie hier: letztlich die Basis jedweder Innovation!

Dieses magische Dreieck aus Verstand/Vernunft, Ästhetik und Glaube/Werte ist die eigentliche Grundlage europäischer Identität, hat unserem Kontinent seine Konturen verliehen, seine Menschen mehr oder minder geprägt, formt sein Ansehen in der Welt. Und hat seine Bewohner immer wieder, über alle Irrungen und Wirrungen hinweg, instand gesetzt, grandiose schöpferische Leistungen zu vollbringen:

in Bildung und Wissenschaft, in allen ästhetischen Disziplinen, im Sozialen, in Technik und Ökonomie, gelegentlich sogar im Politischen.

Ob Aristoteles, Seneca, Aquin, Kant, Humboldt, Max Weber, Sartre, Bloch;

ob H.v. Bingen, Erasmus, Luther, Zwingli, Bonnhoeffer, Kardinal Lehmann;

ob Homer, Ovid, Dante, Shakespeare, Goethe, Joyce, die Manns; ob Archimedes, Kopernikus, Gutenberg, Newton, Einstein, Benz, Bosch;

oder Konstantin, Justinian, Karl, Friedrich, Peter (die „Großen“), Briand, Stresemann, Adenauer, Churchill, Brandt, Gorbatschow:

Welch’ eine unübersehbare, überwältigende Fülle kreativer Persönlichkeiten und innovativer Ideen und Leistungen sind aus dem Humus von Ratio, Ästhetik und Glaube erwachsen!

Auch Hoffmanns Leben, Leidenschaft und Werk sind ohne diese Triebkräfte kaum erklärbar: geistig, ethisch wie ästhetisch war er ein Kind dieser Trias!

Ein Patentrezept zur Lösung der gegenwärtigen politischen Probleme, gar der grundlegenden Identitätsschwächen der Union kann ich nicht bieten. Wie könnte ich auch? Und wer könnte es schon? Nur zweierlei ist geboten. Das eine kurzfristig:

eine umfassende Friedensinitiative, um die Fluchtursachen Krieg, Not und Armut zu mindern; das andere langfristig: die Revitalisierung und die Bewusstmachung der unschätzbaren europäischen Basiskräfte.

Beispiele für erfolgreiche Initiativen zur Konfliktbehebung, zu Auswegen aus scheint’s ausweglosen Situationen sind rar – aber es gibt sie.

In der jüngeren Geschichte waren es zwei Deutsche und ein Russe, die mit Mut, Weitsicht, Beharrlichkeit und gegen massive Widerstände die Weichen für eine neue Zeit des Friedens und der Einigkeit in Freiheit stellten:

Konrad Adenauer führte unser Land konsequent und zielbewußt ins Westbündnis und somit wieder in die freie Gemeinschaft demokratischer Staaten;

Willy Brandt legte mit seiner Deutschland-, Ost- und Entspannungspolitik die Grundsteine für die Überwindung der tragischen Teilung Deutschlands und Europas;

Michael Gorbatschow schließlich danken wir das Ende der Blöcke und den Einstieg in eine Welt ohne Blockgrenzen und somit grenzenloser Möglichkeiten.

Willy Brandt war es auch, der 1977 den Vorsitz der (von McNamara ins Leben gerufene Nord-Süd-Kommision) übernahm und früh auf die Folgen von extremer Ungleichheit und Friedlosigkeit hinwies, mithin auch auf massenhafte Migration als Folge von Armut und Perspektivlosigkeit!

Zu erinnern ist auch an die „Friedensrede“ von J.F. Kennedy kurz nach der hoch bedrohlichen Kuba-Krise, in der er eine generelle Abkehr von den Denkmustern des Kalten Krieges forderte – was Jahre hernach mit dem NATO-„Signal von Reykjavik“ und der sowjetischen „Antwort von Tiflis“ zur kontrollierten Abrüstung (MBFR) führte ….

Politische Köpfe dieses Formates sind rar geworden. Die letzten Deutschen, die noch aus geschichtlichem Erleben Kraft, Größe und Perspektive schöpften (Schmidt, Genscher, Bahr) sind dahingegangen. Und die wenigen Spitzenpolitiker in Europa, denen eine Friedensinitiative zuzutrauen wäre, etwa der Bundeskanzlerin, ihrem Außenminister und dem französischen Staatspräsidenten, können ohne Einigkeit der Mitgliedstaaten zu wenig bewegen, und sind zudem durch innenpolitische Querelen geschwächt.

Auch unter den Großmächten herrscht Mangel an überragenden Staatsleuten. US-Präsident Obama, vom dem so vieles, vielleicht zu vieles, erwartet wurde, wird, zumal in der letzten Amtsphase und unter dem massiven Druck der Republikaner, kaum noch Höhenflüge zum Weltfrieden unternehmen können; auch vom russischen Präsidenten Putin, getrieben vom Ehrgeiz, Russland zu neuer Weltmacht zu führen, und wahrlich kein Friedensengel, ist dergleichen nicht zu erwarten. Was letztlich bedeutet, dass die Probleme der durch Krieg und Not verursachten Migration per Grenzschließungen und damit Abgabe der Lasten an die Außengrenzstaaten allenfalls verschoben, aber nicht gelöst werden. Das alles führt naturgemäß nicht zur Festigung, sondern zum sanften Siechen der Identifizierung mit der kühnen Idee der Gründerväter Europas.

Da eine Änderung der politischen Großwetterlage nicht in Sicht ist und Klagen nicht hilft, täten insbesondere die Deutschen, die so vieles durch die Union gewonnen haben und in deren Kultur das europäische Erbe tief verwurzelt ist, gut daran, das Substantielle dieses Erbes zu pflegen und zu vitalisieren: den Verstand, die Vernunft; die Kreationspotentiale des Ästhetischen, des Kulturellen und der Künste; die Maximen des Glaubens oder die des Humanismus.

Den Verstand, der sich so mühevoll aus den Fängen der Unmündigkeit befreit hat, gilt es vor weiterer Fokussierung allein aufs Materielle, auf Zweck, Nutzen, Profitabilität zu bewahren; ihn umfänglich, alltäglich, in allen Lebenslagen zu nutzen, um Fragen zu stellen, Fragen als höchste Form des Denkens; um unbeirrt nach Erkenntnis zu suchen und diese Suche als bereicherndes Perpetuum zu begreifen. Oder, wie der Hirnforscher   Pöppel empfiehlt: den Verstand, der wie ein Muskel funktioniert, systematisch trainieren, damit er nicht erlahmt. Dabei nicht nur kurzfristig Nützliches, sondern alles Sinnvolle wie auch Sinnlose aufnehmen, alles was einen erfüllt. Je weiter die Denk- und Wissenshorizonte der Menschen gesteckt sind, desto ertragreicher, denn jedes extra-funktionale Interesse mehrt ihr Kreationspotential.

Zur Vitalisierung des ästhetischen Vermögens führen viele Wege; fast alle haben den Vorzug, nicht nur lehrreich, sondern auch lustvoll zu sein. Das beginnt mit gutem Essen und Trinken. Wer die großen regionalen Küchen des eigenen Landes wie die der Nachbarn entdeckt, macht einen großen Bogen um Junk- und Fastfood oder germanisierte ausländische Angebote – das gustatorische wie olfaktorische Erlebnis führt direkt zur Entwicklung von Geschmack (auch im übertragenen Sinne) – wovon Menschen nie genug haben können.

Taktile Fähigkeiten lassen sich durch Lust am Handwerklichen, an Naturmaterialien, an schönen originären Formen zurückgewinnen; auch Erotik vermag da manches…

Nichts ist leichter, als den verstopften Gehörgängen eine Kur zu verordnen. Sie danken einem das Aufsuchen von Orten der Stille ebenso wie die Wiederentdeckung von Naturlauten oder die Teilhabe an Live-Musik gehobener Qualität (ganz gleich, ob Wagner oder Mendelssohn, Mahler oder Nono bis Nils Landgren oder Keith Jarrett …) – die auditive Apparatur eröffnet ungeahnte neue Empfindungshorizonte.

 

Und kaum etwas schärft die Sinne, kaum etwas ist in Zeiten medialer Bildüberfälle mit ihren „an-ästhetisierenden“ Folgen so nötig, wie die Schärfung des Visuellen. Nichts hilft so nachhaltig einem klaren und sensiblen Sehen auf die Beine wie die Beschäftigung mit den Bildkünsten. Ob Zeichnung, Malerei, Grafik, Objekt, Skulptur, Film oder Architektur; ob klassisch, modern, zeitgenössisch; ob realistisch, expressiv, impressiv, abstrakt, cross-over – nirgends gibt es eine so ungeheure Vielfalt, nirgends so viele Grenzüberschreitungen aller Konventionen, solche Punktierungen genormter Sehgewohnheiten wie im Fundus der europäischen Künste: das auf- und anregendste Übungsfeld in Sachen Phantasie und Kreativität!

Wer seine Wahrnehmungstentakel pflegt und walten lässt, erfährt Erstaunliches. Er beginnt Dinge vorher zu sehen, gewinnt Durchblick, tastet sich an Unerhörtes heran, bringt Licht ins Dunkel, ersetzt Geschmäcklerisches durch Geschmack und hört die Nachtigall rechtzeitig trapsen; kapriziert seine Neugier, entwickelt Gespür und Riecher für Neues, Unentdecktes, beginnt vom noch-nicht-Erreichten zu träumen. Und spürt, wie der Verstand aufblüht, weil er durch die weit geöffneten Kanäle der Wahrnehmung mit üppiger Nahrung versorgt wird …

Sind die Sinne geschärft und erfährt der Verstand Auftrieb, ist der Weg zur Vernunft nicht mehr weit. Vernunft bedeutet, kluge Regeln und Prinzipien des Handelns zu kennen und zum unverrückbaren Maßstab allen Tuns zu machen.

An solche Regeln, an Maximen vernünftigen Tuns besteht kein Mangel. Die christliche Lehre allein bietet reichlich Stoff im Detail – und mit Mt 7,12 eine „Goldene Regel“ (die, da in allen großen Glaubensgemeinschaften der Welt vorhanden, ideale Basis für die Suche nach einem Weltethos ist):

Das anderen tun, was man selbst von ihnen erwartet, oder, anderen nicht tun, was einem selbst von ihnen nicht getan werden möge.

Wer’s nicht christlich mag, mag sich am Kantischen Imperativ orientieren oder Hans Jonas’ „Ethik für die technische Zivilisation“ zu Rate ziehen: auch C.F. v. Weizsäckers Gedanken zu einer klugen Bescheidung, einer „Weltkultur der Askese“, sind aktueller denn je.

Ob christlich, weltlich-aufklärerisch: überzeugende Leitlinien für Denken und Handeln zur Erzielung, zumindest zur Nichtgefährdung von Recht und Freiheit in großer Einheit stehen zur Verfügung. Würden alle darauf hin von früh an gebildet und sich daran in verantwortlicher Tätigkeit in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, in Kultur und Glaubensverkündung orientieren – das Innerste des geistigen Erbes Europas wäre gewahrt, auch über Zeiten der Uneinigkeit hinaus.

Sich in einer Zeit dräuender Herausforderungen ein Land, ja, einen ganzen Kontinent vorstellen, da die Menschen sich grenzenlos ihres Verstandes bedienen, lustvoll von ihren großen Geistern und kulturellen Gütern Gebrauch machen; wo starke Gefühle und bewusstes Mitempfinden zuhause sind, wo Undenkbares wieder ins Visier genommen wird – das hört sich naiv an, utopisch gar. Aber was bliebe in Zeiten, in denen das Ungewisse zur letzten Gewissheit wird, ohne die Hoffnung auf einen „U-Topos“, ohne den Wunsch, der „insula utopia“ näher zu kommen?

Der Lebenstraum des August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, ein einig Vaterland in Freiheit, war zunächst nur eine Vision, eine ferne Utopie. Aber nur weil er überzeugende Visionen besaß, weil er eine friedliche  Utopien als großes, erstrebenswertes Ziel  entwarf, hat er Menschen zu begeistern und in Bewegung zu  setzen vermocht. Und nur weil es nach ihm Visionäre wie ihn gab, ist sein Traum am Ende Wirklichkeit geworden.

Auch, wenn es spekulativ ist: Lebte er heute, in Kenntnis einer freien geeinten Patria, aber ebenso wissend um die Abwege und Abgründe nationaler Hybris, würde er sich kaum zur Ruhe setzen, sondern seine Leidenschaft wiederum einem Einigkeitsziel widmen: dem Europas.

Damit alle Menschen, so wie es durch eine historische Gnade den Deutschen zuteil wurde, nun vom Nordmeer bis zur Ägäis, vom Schwarzmeer bis zur Biskaya, in Frieden und Freiheit zusammen leben. Ohne Grenzen und Abgrenzungen; als eigenständige Völker wohl, aber mit einer Stimme im Weltchor auftretend, um Gehör, Gewicht und Achtung zu erfahren. Um Einigkeit und Recht und Freiheit vielleicht gar zum europäischen Exportmodell zu machen!

Der belesene Hoffmann könnte sich in „seiner“ Bibliothek auf Schloss Corvey Platons „Politeia“ oder Thomas More’s „Utopia“ greifen und daraus visionäre Kraft schöpfen. Vielleicht gefiele ihm  auch Oscar Wilde’s Rat, nie eine Landkarte zu kaufen, auf der nicht das Land Utopia verzeichnet sei.

Viel wahrscheinlicher jedoch würde er auf alle literarischen Vorbilder verzichten und sich mit einem eigenen Gedicht ans Werk abendländischer Stärkung machen:

„Kein Harren gilt noch Hoffen!

Frisch vorwärts! Unverzagt!

Uns steht die Welt noch offen:

Wohlan, es sei gewagt!“

Ein, besser, viele leidenschaftliche Europäer vom Format eines Hoffmann von Fallersleben: wie gut täte uns der in diesen Zeiten!