17. Rede: Iris Radisch

17. Hoffmann-von-Fallersleben-Rede 2018

am Dienstag, dem 1. Mai 2018, 11.00 Uhr,
im Kaisersaal von Schloss Corvey

Durchlaucht, meine sehr verehrten Damen und Herren,  liebe Festgäste!

Es ist mir eine große Freude, heute die 17. Corveyer Hoffmannvon-Fallersleben-Rede halten zu dürfen. Als mich die Einladung hierzu überraschte, war mir nicht gleich bewusst, wie gut ich den Autor unserer Nationalhymne bereits kannte.

Ich bin in den sechziger Jahren in West-Berlin aufgewachsen, in einer Zeit, die meinen Töchtern heute so unendlich weit entrückt ist und die sie in aktuellen Fernserien als eine historisch gewordene Kuriosität bestaunen. Meine Mutter stammte aus einer der deutschen Lebensreform- und der Wandervogelbewegung zugewandten Familie von geschäftlich erfolglosen Vegetariern, Malern, dilettierenden Weltverbesserern und Buchhändlern in Berlin-Alt-Moabit. Und auch wenn die Berliner Verlagsbuchhandlung ihres Großvaters bald Konkurs anmelden musste und der Versuch, ein Buch-Versandhaus und eine Zeitschrift für naturgemäße Lebensweise zu gründen, ebenfalls scheiterte, blieben in meiner Familie einige Überbleibsel dieser zweiten großen deutschen Jugendbewegung bis in meine Kindheit hinein lebendig. Dazu gehörte zum einen der Vegetarismus, um den man in den sechziger Jahren möglichst wenig Aufhebens machte, man empfand ihn damals noch als gesellschaftlichen Makel. Zum anderen war es die damals noch viel belächelte Freikörperkultur, der in meiner Kindheit noch immer eine einsame alte Berliner Tante meiner Mutter in irgendwelchen blickdichten Nischen der aufstrebenden Nachkriegsgesellschaft nachging. Die Ideale der Lebensreformbewegung waren in der Familie erloschen, doch ihre Rituale glimmten noch ein wenig weiter.

Auch wenn es vielleicht nicht so klingt, bin ich jetzt auch schon bei Hoffmann von Fallersleben. Der ist mir nämlich in meiner Kindheit auf Familienfesten, auf denen man singend und spielend durch den Berliner Wald zog, auf Schritt und Tritt begegnet. Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm. Summ, summ, summ Bienchen summ herum. Drum frisch hinaus ins freie Feld, heut noch sind wir hier zu Haus, morgen geht‘s zum Tor hinaus. Und wir müssen wandern, wandern, keiner weiß vom andern. Diese Verse und Klänge begleiteten meine Jugend und webten ein unsichtbares Band, das uns Kinder nicht nur mit den jugendlichen Idealen unserer lebensreformerischen Urgroßeltern und Großeltern, sondern wie ich jetzt erst weiß, auch mit der ersten deutschen Jugend- und Freiheitsbewegung verband, zu der man den Volkslieddichter aus Fallersleben zählen darf, zu dessen Ehren ich heute zu Ihnen sprechen darf. Seine Lieder hatten nämlich selbstverständlich am Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Weg in die Liederbücher der Wandervogelbewegung gefunden. Geboren an der Schwelle zum 19. Jahrhundert war Hoffmann von Fallersleben einer der Wortführer der ersten deutschen Jugendbewegung, die diesen Namen verdient, und die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus dem „Sturm und Drang“ und der romantischen Naturzuwendung der Spätaufklärung kommend zunächst in den Universitätsstädten und in den Burschenschaften in gesellschaftlich relevantem Ausmaß formierte.

Hoffmann war, wie ich in meiner Beschäftigung mit diesem temperamentvollen, deutschen Patrioten lernen durfte, zeit seines Erwachsenenlebens ein politisch eher zurückhaltender Zeitgenosse. Man traf den jungen Göttinger Studenten nicht beim Wartburgfest am 18. Oktober 1817. Und als das Paulskirchen Parlament gegründet wurde, zog der geschasste Professor es vor, sich mit seinen Volksgesangbüchern und der Edition alt- und mittelhochdeutscher Handschriften zu befassen. Dennoch war Hoffmann eine prägende Figur der deutschen Jugendbewegung. Als jungen Mann darf man ihn sich feurig vorstellen. Als er in Göttingen zunächst mit wenig Begeisterung Theologie studierte, kam es im Sommersemester 1818 auf den Göttinger Straßen zu richtigen Studentenunruhen, die sogar in Straßenschlachten ausarteten. Der Anlass war banal: Ein Metzger hatte einen Studenten geohrfeigt. Daraufhin stürmten die Studenten die Metzgerei, am Abend lag das Haus des armen Göttinger Metzgers in Trümmern. Die Regierung bot berittene Husaren gegen die revoltierenden Studenten auf. Was folgte, war einer der ersten Studentendemonstrationen in der deutschen Geschichte – mit Hoffmann an der Spitze. Die Studenten forderten „Burschenfreiheit“. Und als wenige Wochen später in Jena der Gründungskongress der deutschen Burschenschaften stattfand, war Hoffmann wieder zu Stelle. Es wäre sicherlich übertrieben zu sagen, er sei der Daniel Cohn-Bendit des 19. Jahrhunderts gewesen, aber er hat den Geist des Aufbruchs und der Jugend doch an vorderster Front der Studentenunruhen repräsentiert.

Unruhig war sein ganzes Wesen, wenn man den Zeitzeugen und den Biographen glauben darf. Wir als Angehörige einer hochmotorisierten Autofahrernation können nur staunen, wenn wir hören, welche Fußmärsche der junge Hoffmann quer durch Deutschland absolviert hat. Von Fallersleben nach Göttingen, von Göttingen nach Kassel, von Kassel über Eisennach, Gotha und Erfurt nach Weimar und weiter nach Jena. Von dort zurück quer durch Thüringen nach Göttingen. Von dort über Kassel und Frankfurt am Main, von dort weiter mit Postschiff nach Bonn. Auf diese Weise war er wandernd durch Wald und Feld wochen-, wenn nicht monatelang unterwegs. Auf diesen Fußmärschen ließ er sich die Haare und den Bart lang wachsen und trug das damalige Gegenstück zur durchlöchterten Jeans – den altdeutschen Rock. Das war das gar nicht so geheime Zeichen der damaligen Jugend für ihre aufrührerische vaterländische Gesinnung.

Betrachtet man den schönen Jüngling mit wohlonduliertem langem Haar auf dem Gemälde von Carl Schumacher aus dem Jahr 1820, das Sie alle kennen, fällt neben dem sehr körperbetonten altdeutschem Rock, den hauteng anliegenden Beinkleidern, der seitlich abgelegten Burschenschaftsmütze, dem Rucksack und der umgehängten Trinkflasche – vor allem der hölzerne Wanderstab ins Auge, der Ziegenhainer, wie ich lernen durfte. Dieser forsche junge Mann scheint nur für einen Augenblick in freier Landschaft unter einem Baume Rast zu halten. Gleich zieht er wieder zu Fuß weiter. Diesmal nach Unna, Soest, Paderborn, Höxter, Hameln, Lemgo, Bielefeld, Dortmund, Trier, Koblenz und Mainz. Keine Stadt in halbwegs fußläufiger Entfernung war vor seiner rastlosen Wandersucht sicher.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich glaube, dass es zwischen meinen der Freikörperkultur, dem Wandern und dem Singen überdurchschnittlich zugeneigten lebensreformerischen Vorfahren und dem auch damals schon belächeltem altdeutschen Rock und dem Ziegenhainer des Weitstreckenläufers Hoffmann eine untergründige Beziehung gibt. Die große und inzwischen ein wenig klemmende Begriffsschublade, in der das alles noch reichlich unsortiert hineingehört, müsste man vermutlich Natur- und Heimatliebe nennen.

Bei Hoffmann gehören Heimat und Natur jedenfalls noch ganz natürlich zusammen. Die energiegeladene Rastlosigkeit, mit der er zeit seines Lebens diesen beiden Sehnsuchtspolen seiner Existenz hinterher wanderte, lässt vermuten, dass er von beidem nie genug hatte. Dieselbe unerfüllte Sehnsucht prägte auch die zweite deutsche Jugendbewegung, der sich meine seltsamen Verwandten verschrieben hatten. Auch sie griff auf Ideale und Moden der Vorzeit zurück, weil sie sich in der eigenen Gegenwart nicht vollkommen beheimatet fühlte. Während Hoffmann im altdeutschen Wams durch die deutschen Lande zog, pilgerten die Apostel der Lebensreform hundert Jahre später mit langen Locken, in Jesus-Latschen und wallenden Gewändern durch das sich industrialisierende Deutschland. Die dritte große deutsche Jugendbewegung von 1968 wird es ihnen später nachtun.

Ich habe natürlich einige der Corveyer Hoffmann-vonFallersleben-Reden meiner 16 berühmten Vorgänger an diesem Rednerpult gelesen. Immer wieder war darin zu Recht die Rede von Hoffmann als dem bewundernswerten Streiter für die liberale Republik, als unbeirrbarem Vorkämpfer für den demokratischen deutschen Nationalstaat, für Einigkeit und Recht und Freiheit und die Ideale der 48er. Er habe, so heißt es allgemein, mutig gegen die deutsche Kleinstaaterei und die Fürstenherrschaft gekämpft, auch wenn er erst hier in Corvey in den Diensten seiner Durchlaucht, des Herzogs Viktor von Ratibor und Fürsten von Corvey endlich Ruhe fand.

Ich will und kann dieser Darstellung gar nicht widersprechen. Am aufrechten Republikanismus und am kämpferischen Patriotismus Hoffmanns bestehen keine Zweifel. Er hat sein freiheitliches, demokratisches Programm in den Zwanzig Forderungen des mecklenburgischen Volkes zu Protokoll gegeben. Jeder, der sich mit ihm heute beschäftigt, wird angenehm davon überrascht, wie fortschrittlich, wie unschuldig und morgenfrisch die mittlerweile historisch kontaminierten Großbegriffe Vaterland und Nation bei ihm noch klingen. Wie viel Hoffnung, wie viel gutgelaunte Vorfreude auf den deutschen Nationalstaat liegen in diesen Worten, die bei Hoffmann von ihrer künftigen blutigen Achterbahnfahrt durch das 20. Jahrhundert noch rein gar nichts ahnen lassen.

Doch gibt es erfahrungsgemäß keinen politischen Begriff, der nicht im Schutz des Vorpolitischen entstanden ist und dort seine Wurzeln hat. Und auch Hoffmann kam im Jahr 1798 in Fallersleben nicht als fertiger Freiheitskämpfer und wackerer 48er auf die Welt. Er wuchs auf in der ländlichen Idylle seines Elternhauses. Während seiner wilden altdeutschen Wanderjahre war er ein Getriebener, ein fieberhaft Suchender. Der andere Hoffmann, der singende Volksheld mit den gefestigten politischen Ansichten, dem zu Ehren überall, wo er auftauchte, Fackelumzüge veranstaltet wurden, kam erst später. Ich sind viele – da hat Richard David Precht wohl einfach recht. Schon immer bestanden Menschen aus verschiedenen Personen und hatten multiple Identitäten, die sich manchmal einander fremd sind.

Die entscheidende Wende, die seiner vagabundierenden altdeutschen Hippie-Existenz ein Ende setzte und seinem Leben ein Ziel gab, war seine legendäre Begegnung mit Jacob Grimm im Jahr 1818 in Kassel. Vermutlich ist Ihnen die schöne Initiationsgeschichte wohl bekannt: Der 20jährige Wandersmann besucht auf einer seiner Deutschland-zu-Fuß-Touren den berühmten Sprachforscher und Bibliothekar an der Bibliothek zu Kassel und renommiert, wie man das so macht, wenn einem in Gesellschaft der Gesprächsstoff ausgeht, mit seinen aktuellen Reiseplänen. Er möchte auf den Spuren Winkelmanns nach Italien reisen, nach Griechenland, was nicht sehr erstaunlich ist, denn es handelt sich um die klassischen Ziele der deutschen Bildungsbürger seiner Zeit. Jacob Grimm hört sich das an und sagt zum Abschied nur: „Liegt Ihnen denn ihr eigenes Vaterland nicht näher?“. Mit diesen wenigen Worten zur rechten Zeit war alles entschieden. In seinen Erinnerungen schreibt Hoffmann rückblickend: „Ich höre die Worte noch heute, die Worte vom 5. September 1819. Noch auf der Reise entschied ich mich für die vaterländischen Studien: deutsche Sprache, Literatur- und Culturgeschichte, und bin ihnen bis auf diesen Augenblick treu geblieben“.

Das ist, was ich die Geburt des Politischen aus dem Vorpolitischen nenne. Das Vaterland, das ist für Hoffmann zunächst weder die Republik, noch die demokratische deutsche Nation. Das Vaterland – das sind deutsche Sprache, deutsche Literatur, deutsche Kultur, deutscher Gesang, und man möchte mit einem Blick auf das „Deutsche Lied“, das ja ursprünglich ein Trinklied war, noch hinzufügen: deutsche Frauen und deutscher Wein.

Mit anderen Worten: Was der junge Mann, der mit seinen langen Locken und seinem hölzernen Wanderstab wie von der Tarantel gestochen durch die Welt raste, eigentlich suchte, ist eine Heimat.

Heute aus der sicheren Vogelschau von zweihundert Jahren wirkt sein Leben zielstrebig. Hoffmann ist einer der erfolgreichsten Dichter des Vormärz. Er ist ein Vorkämpfer für die bürgerliche Freiheit, ein Märtyrer des preußischen Ständestaats. Ein aufrechter Demokrat, der wegen eines bescheiden aufmüpfigen Liederbuches mit dem scheinheiligen Titel „Unpolitische Lieder“ seine Professur verloren hat und gezwungen war, als frei schaffender Bänkelsänger durch die deutschen Lande zu ziehen, in denen er noch nicht ausgewiesen oder steckbrieflich verfolgt wurde. Das ist aber nur die äußere Biographie des Hoffmann von Fallersleben. Es gibt aber auch die innere Biographie eines Menschen. Es gibt die innere, die eigene Wahrheit, die sich in der Seele eines noch jungen Menschen bildet und auf die die großen Schlagwort der Epoche nicht gleich passen, weil sie für diese tiefen inneren Impulse meistens viel zu groß und viel zu grob sind. So ist es bei allen Menschen, auch bei Ihnen, auch bei mir ist es nicht anders: Wenn das Schicksal es gut mit einem meint, dann geht die äußere Biographie aus der inneren Biographie hervor. Was allerdings nicht heißt, dass die beiden, die äußere und die innere Biographie, jemals vollkommen zur Deckung kommen. Im Gegenteil. Es ist gerade die Spannung, esist der Abgrund, der sich zwischen der inneren und der äußerenBiographie auftut, aus der Antrieb, Unruhe, Wut, aber auchHingabe, Idealismus, Kreativität, Schmerz und Sehnsucht entsteht,die zunächst auf keinen bestimmten Namen hört. Die Franzosen,die Hoffmann zwar zeit seines Lebens zu meinem großenKummer nicht mochte und die aber dennoch Meister in der Kunstsind, dem Unnennbaren Namen zu verpassen, die Franzosen alsonannten diesen unbestimmten, tiefen Lebensantrieb: élan vital,lebendige Begeisterung, eine Sehnsucht, die sich ins Blaue, insOffene richtet.

Ich stelle mir den jungen Hoffmann vor, wie er nach Kassel zu den großen Brüdern Grimm pilgert, in der Hoffnung von den berühmten Herren empfangen zu werden. Damals, vor beinahe genau zweihundert Jahren, im Herbst 1819, war er noch nicht der Held des deutschen Freiheitskampfes, sondern ein junger Mann, der sehr emotional war und schnell aufbrause. Ein unentwegt Verliebter, ein trinkfester Gemütsmensch, der nirgends so bei sich war wie abends bei Wein und Gesang mit den Freunden, mit anderen Worten: er war ein rastloses, unentwegt neue Verse singendes und neue Verse notierendes Einmannunternehmen, heute auch Ich-AG genannt. Ein fast zwei Meter langer Kerl, der seit er sein Elternhaus in Fallersleben verlassen hat, keinen Anker und kein Ziel im Leben hat. In seinen Liedern weint er so manche dickaufgetragene Träne nach der aus der Kindheit vertrauten Welt, den Rosen im Garten, den lieben Blümelein, den blumigen Feldern, in denen er einst so manch Sträußlein band, den kühlen Wäldern, in denen er Schatten fand, mit anderen Worten: Er sucht nach einer Seelenheimat, in der er sich selbst wiederfindet und die vor allem mit einer selbst erfahrenen und selbst erwanderten deutschen Landschaft verknüpft ist, die ihm zunächst wichtiger ist als alles andere:

Lebe wohl! so ruf‘ ich traurig hernieder,
Ruf‘s vom Berg hinab ins Tal.
Heimat, Heimat! seh‘  ich nimmer dich wieder!
Seh‘  ich dich zum letzten Mal!
Dunkel wird es rings umher —
Und mein Herz ist so schwer.
Drum ade, ade, ade!

Was wir da hören ist: Heimatliebe. Dieser Spur möchte ich folgen. In diesem neuralgischen Punkt fühle ich mich mit ihm verbunden. Mit seiner Suche nach Heimat, die Hoffmann so oft besungen, der er sein Leben lang hinterher jagte und die er am Lebensende vielleicht hier in Corvey gefunden hat, ist Hoffmann im Augenblick wieder am Puls der Zeit. Heimat ist das Sehnsuchtswort, um das sich in Deutschland im Augenblick wieder alles dreht. Von Heimat redet der Bundespräsident zum Tag der deutschen Einheit. Heimat war ein wichtiges Thema der jüngsten Koalitionsverhandlungen. Die Heimat hat nun zum ersten Mal sogar auf Bundesebene ein Ministerium erhalten. Daneben boomen in der Literatur die Heimatromane, gibt es einen gesteigerten Bedarf an regionalen Produkten, erscheinen Fernsehserien und Sachbücher, die der neu entfachten Heimatsehnsucht der Deutschen nachspüren.

Vor einigen Jahren, als die Fernsehserie „Heimat“ von Edgar Reitz ein riesiger Erfolg war und die ersten Magazine auf dem Zeitschriftenmarkt erschienen, in denen es um die Geheimnisse der Blaubeerernte oder des Apfelbaumschnitts ging, wurde der neue deutsche Heimattrend von den Soziologen und uns Journalisten noch belächelt. Die Heimatliteratur, die Provinzseligkeit, die neue Landlust, die Sehnsucht nach Landschaft und nach gemütlichem Beisammensein bei selbstgebackenem Kuchen unterm Lindenbaum und dergleichen altdeutschen Lustbarkeiten mehr, galten den fortschrittlichen Geistern mindestens als Neoromantik, wenn nicht sogar als noch viel Schlimmeres: als eskapistischer und rückwärtsgewandter Neo-Konservatismus. Doch konnte selbst das entschiedenste publizistische Naserümpfen nicht verhindern, dass das Heimatthema inzwischen ins Zentrum der aktuellsten politischen Konfliktlinien gerückt ist. Heimat ist zu einer Chiffre geworden, unter der man sich nach Verlorenem sehnt oder das für bedroht Gehaltene bewahren will. Der ungreifbare, weil eben vorpolitische Begriff Heimat ist plötzlich zu einem seelischer Verkehrsknotenpunkt geworden, an dem sich sammelt, was in Zeiten der globalen Digitalisierung und der schier grenzenlosen Mobilität verloren zu gehen droht: Herkunft, Wurzeln, Vertrautheit, Zugehörigkeit, Bleiberecht, Stabilität, leibhaftige Verbundenheit, die glückhaft sinnliche Erfahrung seiner Lebenswelt, mit einem Wort – Geborgenheit.

In der neuen, alten Sehnsucht nach Heimat, die man sich wünscht, die man nicht hat oder die man für bedroht hält, ist unsere Zeit Hoffmann wieder ganz nah. Bei aller Einschränkung, die historische Parallelen immer fragwürdig machen, kann man sagen: Ähnlich wie Hoffmann, der in einem zerstückelten und ungeeinten Deutschland schon ganz jung die Erfahrung der Zerrissenheit, der Rechtsunsicherheit und der fürstlichen Willkürherrschaft machte, fühlt sich der Bürger heute der anonymen Übermacht globaler Entwicklungen und willkürlicher, digitaler Automatismen ausgeliefert, auf die er kaum Einflussnehmen und denen er selten entkommen kann. Die kindliche Seinsgewissheit, das zum Leben so notwendige Urvertrauen, inmitten der Anonymität und Kälte der Welt ein kleines Territorium zu haben, in dem man sich scheinbar auskennt, das einem zutiefst vertraut ist, diese Seinsgewissheit scheint dem globalen Kosmopoliten von heute wieder genauso zu fehlen wie dem unglücklich durch die deutschen Lande irrenden Hoffmann. Dabei ist die Sehnsucht nach Heimat damals wie heute eher ein Alarmsignal. Denn mit der Heimat ist es wie mit dem Glück. Man spricht besonders viel davon, wenn man es verloren hat. Der Heimatbegriff verdankte seinen Aufstieg schon im 18. Jahrhundert der Erfahrung von Entwurzelung und der Auflösung der alteuropäischen Ordnung. Und auch heute machen sich wieder Verlustgefühle bemerkbar.

Die neue Freiheit des schnellen Reisens, des globalen Wirtschaftens und Arbeitens, der offenen oder doch zumindest durchlässigen Grenzen, der nahezu grenzenlosen Mobilität, hat ganz offenbar eine Kehrseite. Diese Kehrseite ist die emotionale Verunsicherung, die Sehnsucht nach Vertrauen und Begrenztheit. Diese Kehrseite ist die Sehnsucht nach Heimat. Sie verdankt sich der Erfahrung der Auflösung alles scheinbar Stabilen und Altvertrauten. Man könnte sagen: Desto beweglicher wir werden, desto größer ist der Phantomschmerz nach einer Heimat, der wir in den meisten Fällen so gar nicht erfahren haben. Wie groß war der Spott, als vor einigen Wochen die Gründung des neuen Heimatministeriums in Berlin verkündet wurde. Ganz so, als würde auch den Berlinern nun von Staats wegen das Tragen von Trachten, Dirndln und Gamsbart, ein Abonnement der Zeitschrift Landlust oder der neuen skandinavischen Zeitschrift hygge, dem Zentralorgan für eine aufgeklärte Gemütlichkeit in der voll vernetzten Kuschelwohnung, verordnet werden. Heimat, etwas, das man in mühsamer Gemeinschaftsarbeit mit allen Einheimischen und neu Hinzugekommenen immer wieder neu konstruieren müsse. Heimat sei nicht das immer schon Vorhandene und regional Vertraute, das Rauschen des Waldes, der Feldweg vor dem Elternhaus, die alte Gartenbank der Großeltern, die so etwas wie eine schicksalhaft Verbindung mit dem eigenen Ursprung darstellen. Nein, Heimat, ist für viele modern lebende Menschen etwas grundsätzlich immer wieder neu zu Schaffendes, das allen offen steht, die sich an der Verfertigung immer neuer, Patchwork- oder Teil-Heimaten beteiligen. Dieser Streit um die Heimat ist weitreichend und interessant, weil sich darin ein grundsätzlicher Streit um das Wesen des Menschen verbirgt. Denn worum streiten die Heimatkritiker und die Heimatschützer denn eigentlich? Die Heimatkritiker wünschen sich den Menschen flexibel und immer neu formbar, offen für jede neue, spannende Performance seiner Existenz. Die Heimatschützer warnen davor, den Menschen aus seinen vertrauten Koordinaten und seinen ursprünglichen Daseinsbedürfnissen herauszureißen und ihm immer neue kulturelle Identitäten zuzumuten. Sie halten es mit Herder, der gesagt hat: „Heimat, ist da, wo man sich nicht erklären muss.“

In der westlichen Moderne des 21. Jahrhundert scheint sich in diesem Streit zunächst das Menschenbild der Heimatkritiker durchgesetzt zu haben. Der vielfältig einsatzbereite, flexible, global agierende Mensch, so die fortschrittliche Erzählung, brauche keine Heimat. Seine Heimat ist die neue kosmopolitische Hyperkultur, die nach Ansicht des Soziologen Andreas Reckwitz nach den Nuller Jahren in der urbanen akademischen Mittelschicht in Deutschland zur Leitkultur avanciert ist. Manche sagen auch, ihre wahre Heimat ist heute das Internet oder sie ist da, wohin der Wind des globalen Arbeitsmarktes und der international agierenden Tourismusindustrie einen eben gerade weht. Die schier grenzenlose Vervielfältigung des Heimatbegriffes wird in dieser Erzählung als Qualifizierung und Bereicherung verbucht. Denn der flexible Mensch ist in der Lage, sich aus den verschiedensten Kulturen das jeweils beste herauszufischen und sich daraus eine neue, immer weiter maximierbare Parchwork-Identität zu schaffen. Das moderne Menschenbild eines mit multipler, hochbeweglicher Identität ausgestatteten Kosmopoliten ist nicht nur das im Augenblick dem Zeitgeist am meisten entsprechende sozialpsychologische Idealprofil, das seinen Stempel in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten hinterlassen hat. Dieses Menschenbild entspricht, wie es der Zufall so will, auch den Arbeitsanforderungen des globalen Weltmarktes in besonderer Weise.

Dagegen steht das Bild eines sich nach Tradition und Herkommen sehnenden Menschen. Dieser Mensch, der in konservativen und patriotischen Erzählungen besonders beschworen wird, ist auf der Suche nach seinen Wurzeln und seiner Identität, die er in seiner Ursprungslandschaft und seiner Ursprungskultur verortet glaubt. Er besteht, auch darin dem Heimatdichter Hoffmann nicht ganz unähnlich, auf der Unterscheidung zwischen dem Eigenem und dem Fremden und hält am Prinzip einer unverbrüchlichen Verwurzelung von Mensch und Herkunft auch entgegen den ökonomischen Erfordernissen des Weltmarkts fest. Weltweite Migration und Flexibilität führen in den Augen der Heimatschützer in erster Linie zum Verlust der Heimat, und erst in zweiter Linie zu einem heimatsimulierenden Ersatz weltweit zusammengekaufter multipler Scheinidentitäten, die einem nicht darüber hinweghelfen, dass es im eigenen Dorf keine Post, keinen Zeitungsladen und keinen Bäcker mehr gibt, dass man kaum noch irgendwo Nachbarn beim Einkaufen trifft, weil alle sich alles von einem amerikanischen Großanbieter ins Haus schicken lassen, und man stattdessen Geistergespräche in den Sozialen Medien führt. Der Streit um einen deutschen Kulturpatriotismus, der im Augenblick zwischen den Heimatkritikern und den Heimatschützern geführt wird, geht im Kern auf diese beiden konkurrierenden und schwer miteinander zu vermittelnden Menschenbilder zurück.

Auf welcher Seite unserer aktuellen Heimatdebatte glauben Sie, werte Festgäste, stünde wohl Hoffmann von Fallersleben? Auf der Seite der modernen Kosmopoliten, die grenzenlos weltoffen, flexibel und tolerant sind? Die sich überall auf der Welt zu Hause fühlen, vor der Fremde und den Fremden keine Angst haben und sich ihre Heimat zwischen New York, Paris, Berlin, Bali, Singapur und Hongkong immer wieder neu erschaffen können wie einen persönlich zusammengemixten Kultur-Cocktail aus den jeweils besten Restposten der alten, überlebten Nationalkulturen? Oder sympathisierte er mit den Anhängern des aus der Mode gekommenen alten Heimatbegriffs, die den lokalen Ursprung, die eigene, begrenzte Herkunft und tradierte Kultur zum Maßstab für die Heimatempfindung machen?

Vielleicht werden Sie mir widersprechen: Aber ich glaube, dass Hoffmann, der zu seiner Zeit zur jungen Avantgarde und zum Fortschritt zählte, heute nicht an der Spitze des akademischen Kosmopolitismus der jungen urbanen Elite mitlaufen würde, der die neue globale Leitkultur geworden ist. Ich sehe ihn heute eher auf Seiten der Traditionalisten und Heimatschützer. Womöglich können wir nicht einmal ausschließen, dass er ein Parteigänger eines nationalen, regionalen oder populistischen Heimatbewusstseins wäre, wie es im Augenblick in Europa und in Amerika zu erleben ist. Germany first – Deutschland zuerst, auch wenn er das damals nicht so chauvinistisch gemeint hat, wie es heute klingt. Wir alle wissen, dass seine erste Strophe des „Lieds der Deutschen“, das Friedrich Ebert 1922 zur deutschen Nationalhymne erklärte, vollkommen missverstanden und missbraucht wurde. Dennoch sehe ich ihn nicht bei den urbanen Weltbürgern und Hyperkulturalisten, die sich für einen bunten Mix der Kulturen einsetzen und die Idee von einer deutschen Nationalkultur für abgewirtschaftet und rückschrittlich halten. Ich kann mir schwer vorstellen, dass er mit ihrem Konzept eines grenzenlosen Kulturkosmopolismus, der alles konsumiert, was ihm gefällt und nutzt viel hätte anfangen können. Eher sehe ich ihn heute auf Seiten der Traditionalisten, die nicht jeder Kultur in beliebiger Äquidistanz begegnen, sondern die die eigene Kultur als einen privilegierten Ordnungsrahmen betrachten, von dem aus und in dem beheimatet, sie sich fremden Kulturen öffnen.

Wenn ich recht habe, und Hoffmann heute eher ein moderater Heimatschützer wäre, stünde er damit plötzlich nicht mehr da, wo er zu seiner Zeit ganz selbstverständlich stand: auf Seiten der jungen, fortschrittlichen, zukunftsorientierten Kulturoberschicht, die auch heute wieder akademische Leading-Class darstellt. Zu Zeiten des sich bildenden bürgerlichen Nationalstaates war die deutsche Kultur für Hofmann und seine Mitstreiter das Medium der Wahl, um einen bürgerlichen Gemeinsinn zu etablieren. Heute ist es genau andersherum: Das global agierende, fließend Englisch sprechende akademische Neo-Bürgertum muss die Grenzen der Nationalkultur überwinden, um international konkurrenzfähig zu sein. Diese neue hyperkulturelle Boheme ist gerade dabei, die alte, an Herkunft, Nationalkultur und Heimat orientierte BürgerElite abzulösen, die zu Hoffmanns Zeiten, im vorindustriellen, zerrissenen Deutschland ihrerseits die junge fortschrittliche Avantgarde stellte. So ändern sich die Zeiten.

Ich finde: Das alles spricht letztlich für Hoffmann von Fallersleben. Offensichtlich kann man sich mit ihm noch immer nicht beschäftigen, ohne in die Hauptkonfliktlinien unserer Gegenwart zu geraten. Denn der Streit um die Heimat, ist keine Marginale unseres öffentlichen Lebens. Er führt ins Zentrum der Konflikte um Lebensformen, Leitbilder und Deutungshoheit, die immer drängender werden, um so mehr Menschen aus fremden Kulturen zu uns kommen und uns dazu veranlassen, uns entweder unserer Herkunftskultur verstärkt zu versichern oder aber im Hinblick auf die globale Zukunft offensiv darauf zu verzichten.

Wie können wir uns also Heimat heute noch denken, wenn wir eingestehen müssen, dass wir zu den deutschen Idyllen Hoffmanns oder Eichendorffs, in denen die Seele ihre Flügel ausspannt, als flöge sie nach Haus, nicht per ministeriellem Dekret zurückkehren können? Was könnte eine moderne deutsche kulturelle Identität sein? Oder stimmt etwa, was Ayan Özoguz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, behauptete, als sie sagte: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“? Und ergeht es uns modernen deutschen Staatsbürgern dann eben so, wie dem ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész, der über sich sagte: „Er trieb sich als Heimatloser in seinem eigenen namenlosen Leben herum, wie in einem nicht für ihn geschneiderten, zu weiten Anzug, der ihm zu irgendeinem nebulösen Zweck geliehen worden war“? Ist die deutsche Kultur also keine Heimat mehr für die Mehrheit der in Deutschland lebenden Bürger?

Ich glaube, dass es so ist. Abgesehen von der noch immer existierenden Enklave des älteren deutschen Kulturbürgertums, das sich bei Hoffmann, Goethe, Thomas Mann und Uwe Tellkampselbst wiedererkennt, spielt die deutsche Nationalkultur für dieMehrheit der Deutschen keine hervorgehobene Rolle mehr. Unddas liegt nicht nur an den ohnehin immer wechselnden Moden undGeschmäckern, sondern ist Ausdruck einer sich rasanttransnationalisierenden Gesellschaft. Der Graben zwischenKosmopoliten und Heimatverbundenen ist deswegen nicht einerdes zufälligen Geschmacks, sondern der generationellenSozialisation. Diejenigen, die ihren Bildungsweg noch in denüberschaubaren alten Nationalstaatskulturen begonnen haben,würden eine Re-Thomas-Mannisierung der Kultur vielleicht sehrbegrüßen. Für die jüngeren, deren Leben sich irgendwo zwischenPeking und San Franzisko entscheiden wird, ist eine deutscheNationalkultur ein rührendes Überbleibsel aus alter Zeit, allenfallsFolklore für das Fernsehprogramm am Freitagabend.

Dieser jungen Generation gehört die Zukunft. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass unsere Gesellschaften sich inzwischen sehr weitgehend aus der Klammer des Nationalstaates gelöst haben, so wie die Welt der Finanzen und der Wirtschaft es ihnen vorgemacht haben. Es fällt schwer daran zu glauben, dass eine nationale Kultur vor der rasenden Vereinheitlichung und Angleichung der Kulturen geschützt sein soll, wenn nationale Regierungen nicht in der Lage sind, globale Produktionsketten, weltweite Finanz- und Müllströme oder amerikanische Kommunikationstechnologien zu regulieren. Den jungen Einwohnern der One-World, der künftigen einen Welt, dürfte es bald schon gleichgültig sein, ob sie sich in Frankfurt am Main, in London, Paris, New York, Schanghai oder Bangkok aufhalten, solange sie ans World wide net angeschlossen bleiben. Für den sich im analogen Raum abspielenden kleinen Alltagsrest, finden sie inzwischen überall ähnliche Lebensstile, Konsumkulturen und Infrastrukturen. Überall dieselben Ketten, denselben Kaffee, dieselben Bestseller, dieselben gentrifizierten Stadtteile. Und Englisch wird man ohnehin bald auf der ganzen Welt sprechen. Woraus sollte lokale Zugehörigkeit, als die Voraussetzung für Heimatsehnsucht und kulturelle Identität, dann noch entstehen? Die Sehnsucht nach blumigen Feldern, Büschen, Lauben und Wäldern, die Hoffmann so oft besungen hat?

Jetzt bin ich dem einen oder der anderen unter Ihnen vielleicht schon zu sehr in einen kulturpessimistischen Schwanengesang abgebogen, wie ihn die Alten immer singen, wenn die Jungen zu neuen Ufern aufbrechen. Und Sie mögen recht haben: Auch in Zukunft werden vermutlich die meisten der international vernetzten, urbanen Multitasker ihren Weg vom gläsernen Office zur altdeutschen Laube Hoffmanns schon irgendwie finden. Roman Herzog, einer meiner berühmten Vorredner hier im Kaisersaal von Schloss Corvey, prägte ja den vielzitierten Slogan vom „Laptop mit Lederhose“, um seiner Zuversicht Ausdruck zu geben, dass Heimatliebe und transnationaler Lebensstil eine Symbiose eingehen werden. Ich wünsche mir, dass er recht hat. Wir sind auf diese Symbiose mehr und mehr angewiesen, um den kommenden Herausforderungen standzuhalten. Ganz ohne Heimat, diesem ungreifbarem Gefühl, das uns allen mit Ernst Bloch gesprochen, „in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, werden wir die Zukunft nicht bestehen.

Und damit bin ich nun schon beinahe am halb versöhnlichen Ende. Offenbleiben muss die Antwort, wie eine solche Symbiose aussehen wird, die den alten, mittlerweile ein wenig fußlahmen und vielfach mißbrauchten Heimatbegriff in die neue hoch beschleunigte Multikulti-Kultur überführt. Einfach wird das nicht. Heimatliche Geborgenheit, Seinsgewissheit und stabiler Lebenssinn sind überall in der Spätmoderne eine knappe Ressource. Sie können von demokratisch verfassten Staaten zwar infrastrukturell gefördert, aber nicht wie Geldscheine oder Dieselmotoren beliebig hergestellt und manipuliert werden. Denn es gibt bekanntlich weder Richtlinien noch einen Abgastest für Geborgenheit. Sie alle kennen das legendäre Wort des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde, der sagte, dass „der freiheitliche, säkulare Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann“.

Diese Garantielücke, die in den europäischen Staaten gerade in Zeiten massiver Einwanderung und wachsender Terrorgefahr verstärkt spürbar wird, zwar nicht zu schließen, denn das ist unmöglich, aber doch zu verringern, ist eine der größten Aufgaben unserer Tage. Das Problem liegt auf der Hand: die europäische Identität kann in Zukunft nicht darin bestehen, keine zu haben.

Und so kehre ich am Schluss zu Hoffmann von Fallersleben zurück, der uns in der aktuellen Suche nach einem neuen deutschen Heimatgefühl den Weg weisen kann. Denn das Bekenntnis zur Verfassung, zum Verfassungspatriotismus, um an das berühmte Stichwort von Dolf Sternberger zu erinnern, wird die Sehnsucht nach Heimat nicht vollständig stillen, so wie diese Sehnsucht auch in Hoffmanns Wunsch nach einer vereinten deutschen Nation nicht restlos aufging. Sie gehört zum eingangs schon erwähnten Vorraum des Politischen, zum élan vital und zur inneren Biographie jedes Menschen. Sie ist verbunden mit den Landschaften der Kindheit, mit Gedichten und Liedern, mit Familienausflügen in den Wald, mit seltsamen Verwandten wie meinen alten lebensreformerischen Tanten, meinen alten lebensreformerischen Tanten, mit Gerüchen und Berührungen, mit Liebe und mit Schmerzen, mit Licht und Schatten, mit Brot und mit Wein, mit Begegnungen und Erzählungen, kurz: mit der Imprägnierung durch tief und am eigenen Leib gemachten Erfahrungen, die man erst später deutsche Kultur zu nennen gelernt hat.

Und damit bin ich nun wirklich am versprochenen halb versöhnlichen Ende. Wenn es gelingen soll, eine Brücke zu schlagen zwischen dem altdeutschen Patriotismus des Fußgängers, Philologen, Bibliothekars, Handschriftenkundlers und Germanisten aus Fallersleben und der Gegenwart der um den Globus jettenden digitalen Kosmopoliten, dann sind Hoffmanns Lieder und Gedichte noch immer ein brauchbarer Leitfaden. Hier wird deutsche Kultur nicht als fest umrissene Größe in einem politischen Planspiel instrumentalisiert , sondern besungen und gefeiert als ein erhebendes, immerzu erneuerbares Ergebnis einer reichhaltigen, zuweilen freilich auch reichlich weinhaltigen, gemeinsamen Erfahrung. In diesem weiten und gemütvollen Hoffmannschen Sinn könnte sich deutsche Kultur mit Herz, Geist und allen Sinnen neu selbst verstehen. Und so könnte in ihr eine Erfahrung von Heimat aufleuchten.