Historie

Auf dieser Seite finden Sie einige Aufsätze, die direkt oder indirekt die  Weinbergkapelle zum Thema haben. Der folgende erste Aufsatz ist von Dr. Brüning verfasst worden anlässlich der wieder in Gebrauch genommenen Kapelle am 16.Mai 1987.

Die Weinbergskapelle am Räuschenberg

Der Corveyer Abt Christoph von Bellinghausen, der vom 10.10.1678 bis zum 12.5.1696 regierte, hat im Jahr 1680 am Südhang des Räuschenberges einen Weinberg angelegt, der im Laufe der Jahre einen Umfang von 18 Morgen erreichte. Der anfängliche Erfolg des Weinbaues hatte keinen Bestand, nach einigen Jahren mußte der fürstliche Weinbauer schließlich erleben, daß seine Unternehmung ein Mißerfolg war und ein klägliches Ende nahm. Ein großes Kapital war nutzlos vertan, es gab deswegen scharfe Kritik seitens einiger Mönche, und zeitweilig war der klösterliche Frieden empfindlich gestört.

Heute erinnert nur noch die von Abt Christoph 1689/90 erbaute Kapelle an den einstmals betriebenen Weinbau. Die Weiheinschrift im Innern der Kapelle, die gleichzeitig ein Chronostichon bildet mit der Jahreszahl 1690, bezeichnet den Kapellenpatron St. Joseph als Beschützer der Reben und der Ländereien. Seit 1703 war die Kapelle der Nikolaipfarrei in Höxter zur Verfügung gestellt in der Weise, daß dort mehrmals im Jahr ein Gottesdienst abgehalten wurde und vor allem nach dem Fest Mariae Heimsuchung eine Bittprozession von der Stadt zur Kapelle stattfand, während der um eine gute Ernte gebeten wurde. (Näheres im Aprilheft dieses Mitteilungsblattes)

Über die kunsthistorische Bedeutung dieses äußerlich schlichten Gebäudes sei nur soviel bemerkt, daß es sich um einen achteckigen Zentralbau handelt, der außerordentlich geschickt und gleichzeitig wirkungsvoll in den steilen Berghang gesetzt ist. Das erfordert zur Hangseite hin eine tief gegründete Unterbauung, die den Bau hoch und schlank erscheinen läßt, während er von der Bergseite her einen durchaus stämmigen und soliden Eindruck macht. Das Innere schmücken einige plastisch gestaltete Konsolen, der Schlußstein mit dem Bild des Kapellenpatrons, und vor allem das umlaufende blaue Band mit der vergoldeten Weiheinschrift. Von beweglichen Ausstattungsstücken ist nichts erhalten geblieben.

Die vielen, im Laufe von drei Jahrhunderten nötigen Reparaturen und sonstigen Erhaltungsmaßnahmen lassen sich nicht mehr rekonstruieren, doch soll hier eine große Hauptreparatur erwähnt werden, ca sie einige Aussagen allgemeiner Art zuläßt. In der oranischen und westphälischen Zeit war die Kapelle sicher vernachlässigt worden, so daß nach dem Besitzwechsel von 1820 notwendige Arbeiten nicht mehr aufzuschieben waren.

Vom 21.6.1822 stammt ein Kostenanschlag, der eine durchgreifende Reparatur vorsah. Zwei Schwerpunkte treten besonders hervor: Das Dach und die Fenster. Damals waren noch alle sechs Fenster vorhanden, ein jedes war mit 152 kleinen Scheiben in Blei verglast, das waren insgesamt 912 Stück, erhalten waren nur noch 236. Das allein zeigt schon den schweren Beschädigungsgrad der Kapelle. Ebenso desolat war der Turm: Zwei Hauptständer und zwei Brustriegel waren verfault. Wärend der Arbeiten zeigte sich, daß auch die Heimstange von der Spitze des Daches bis in die Kuppel verfault war, ebenso die Stichbalken und die Gesimse. 378 laufende Fuß eichenes Bauholz waren für die Reparatur erforderlich, das sind fast 130 Meter. Außerdem mußte die Kapelle auf drei Seiten neu verputzt werden, während auf den anderen Seiten Ausbesserungen genügten.

Wegen der bedeutenden Fensterschäden wurden nur drei Fenster wieder hergestellt, die drei anderen aber zugemauert; dabei wurde jedoch vorgeschrieben, diese „von außen wieder als Fenster einzufärben, damit die Kapelle von der Ferne her nicht an ihrem Ansehen verliere“. Eine Vereinfachung der Dachkonstruktion als Zeltdach, wodurch bedeutende Kosten eingespart werden konnten, wurde vom leitenden Baubeamten nicht genehmigt, weil die Kapelle dadurch „sehr an ihrem guten Ansehen verlieren“ würde. Nur die Zimmer- und Dachdeckerarbeiten erforderten über 110 Taler, die Gesamtreparatur verschlang mit 181 Talern einen stattlichen Betrag.

Etwa 30 Jahre später mußten 32 neue Scheiben eingesetzt werden, „welche durch Frevler durch die eisernen Gitter entzwei geworfen sind“. Außerdem mußte das Bild des hl. Joseph über dem Altar gereinigt und befestigt werden. Die eisernen Gitter, mit denen man die Fenster von außen gesichert hatte, stammten, nebenbei bemerkt, aus dem Sprechzimmer der Benediktinernonnen in Brenkhausen.

Damit kommen wir zu dem ganz leidigen Kapitel der ständigen Beschädigungen, unter denen die Kapelle zu leiden hatte. Nur ein Beispiel soll für viele stehen. Am 29.10.1822 heißt es in einem Bericht an den Landrat: „Die Kapelle am Räuscheberge, früherhin schon oft ein Gegenstand roher Zerstörungswut, welche gegenwärtig repariert und hergestellt wird, hat von neuem den frevelhaften Mutwillen und die Ausbrüche des Leichtsinns erfahren müssen. Am vergangenen Sonntage, dem 27. nämlich, zwischen 4 und 5 Uhr des Nachmittags, haben frei freche Menschen unaufhörlich Steine und Holzstücke durch die überall offenen Fenster in das Innere der Kapelle unter weithin schallendem Getöse, als sollte das ganze Gebäude demoliert werden, geworfen“. Einer der Übeltäter wurde erkannt; von der sicher recht kräftig ausgefallenen Strafe erfahren wir allerdings nichts.

Die abseitige Lage der Kapelle, weit entfernt von den nächsten Wohnhäusern, hat in erster Linie zu den ständig vorkommenden Verunreinigungen und Beschädigungen geführt, wodurch häufige und oft kostspielige Reparaturen erforderlich wurden. Das Aufhören der Prozessionen vor etwa 20 Jahren hat sicher mit zu einer weiteren Vernachlässigung der Kapelle geführt. In den letzten Jahren war sie schließlich in einem Zustand, der selbst für die Bausubstanz das schlimmste befürchten ließ.

Diese traurigen Verhältnisse führten 1983 seitens des Heimat- und Verkehrsvereins zu ersten Überlegungen, hinsichtlich der Kapelle etwas zu unternehmen. Man war sich zunächst keineswegs einig im Vorstand, denn wegen der ständigen schweren Beschädigungen wurde auch die Ansicht vertreten, daß eine Restaurierung der Kapelle sinnlos sei. Doch setzte sich schließlich mehrheitlich die Meinung durch, die Restaurierung in Angriff zu nehmen. Der Heimat- und Verkehrsverein brachte einen Spendenaufruf heraus, der einen unerwartet guten Erfolg zeigte.

Letzlich war aber ein Umstand für die Restaurierung der Kapelle ausschlaggebend: Die für die Bezuschussung solcher Arbeiten zuständigen Behörden konnten überzeugt werden, sich für die Renovierung der Kapelle einzusetzten. So kam es dann zwischen dem Besitzer, der Denkmalpflege und dem Regierungspräsidium zu der im Endeffekt erfolgreichen Aktion, die Kapelle vor dem Untergang zu retten.

Aus den Verwendungsnachweisen der öffentlichen Zuschüsse lassen sich der Hergang der Arbeiten und ihr Umfang am besten darlegen. Für 1984 heißt es: „Das Dach wurde komplett abgedeckt, der Dachstuhl durchrenoviert, schadhafte Hölzer ausgebaut und erneuert, die Tragkonstruktion verstärkt, das gesamte Holzwerk imprägniert. Arbeiten am Gesims wie vor. Dach mit Sollingdachsteinen neu eingedeckt. Turm mit Schiefer behangen, Turmluken und Turmschmuck erneuert“. Damit war ein wesentlicher Schritt zur Erhaltung des Baues getan, er war regen- und schneedicht, der obere Teil des Baugerüstes konnte entfernt werden.

Im Jahr 1985 nennt der Verwendungsbericht hauptsächlich Maurerarbeiten, Sicherung des Gewölbeschubs sowie der Fundamente, Abschlagen des Innen- und Außenputzes und Erneuerung des Außenputzes, Anstricharbeiten der Außenseite, Arbeiten an den Fenstern. Das Baugerüst konnte abgebaut werden.

1986 wurden schließlich die Arbeiten im Innern durchgeführt und vollendet, so besonders der Innenputz und die Malerarbeit, Ergänzung der Stuckleisten mit der Inschrift, farbige Fassung der Konsolen und Gewölberippen. Außerdem wurde das Außenportal ergänzt, eine neue Tür angebracht, 4 Fenster und Schutzgitter montiert. Als letzte Arbeit wurden die Altarstufen und der Fußboden verlegt.

Wenn auch der Hauptanteil der Kosten durch staatliche Zuschüsse gedeckt wurde, so blieb für den Besitzer noch ein sehr ansehnlicher Teil übrig. Erfreulich war die Mithilfe durch Spenden.

Der Vorstand des Heimat- und Verkehrsvereins konnte als Erfolg der von ihm initiierten Spendenaktion einen Scheck über 20000 DM überreichen. Herr Dipl. Ing. Kroos hat die statischen Berechnungen kostenlos übernommen und damit eine beachtliche Sachspende geleistet. Ebenso erfolgte eine ansehnliche Sachspende durch Herrn Malermeister Quade. Der Kultur- und Heimatpflegeausschuß des Kreises Höxter bewilligte einen Baukostenzuschuß von 4.000 DM. Eine ehemalige Höxteranerin, Frau Schmidt, übernahm die Kosten für ein Fenster, ebenfalls auch der Heimat- und Verkehrsverein.

Diese Spenden haben nicht nur ihren Anteil zu der Finanzierung beigetragen, sie belegen auch das rege Interesse, das die Restaurierung der Weinbergkapelle in weiten Kreisen geweckt hat.

Nach drei Baukampagnen ist die Wiederherstellung der schwer beschädigten, ja teilweise zerstörten Kapelle vollendet. Der schöne Bau leuchtet wieder hell aus den Bäumen hervor, das Innere ist würdig gestaltet. Dem Besitzer, allen genannten und ungenannten Helfern und Spendern, den beteiligten Firmen, die sehr gute Arbeit geleistet haben, ihnen allen gebührt der Dank der Heimatfreunde für ein rundum gelungenes Werk.

Gewiß, die Renovierungskosten der Weinbergkapelle sind sehr hoch. Man muß aber das bedeutende Ausmaß und die Schwere der Beschädigungen berücksichtigen, die ja weniger durch das Alter des Gebäudes, sondern vielmehr durch sinnlose, barbarische Zerstörungswut verursacht waren.

Entscheidend für die Zukunft der Kapelle wird es sein, daß sie durch eine angemessene Nutzung wieder mit Leben erfüllt wird. Gute Ansätze dazu sind vorhanden. Daß diese Bestrebungen von Dauer sein mögen, sollte nicht nur unser aller Wunsch sein, sondern auch unsere tätige Mitarbeit herausfordern.

Dr. Brüning

Die Weinbergkapelle zu Höxter

1. Architektur 

Wenn man Höxter weserabwärts in Richtung Albaxen auf der Bundesstraße verläßt, fährt man nur wenige Meter an der Weinbergkapelle vorbei. Und doch merken nur wenige etwas davon, weil sie sich etwas oberhalb der Straße hinter hohem Baumbestand verbirgt. Dabei handelt es sich bei dem auf achteckigem Grundriß mit einem Durchmesser von ca. 8 m errichteten Bauwerk durchaus nicht um ländliche Durchschnittsarchitektur, sondern um ein Architekturerlebnis, das man sich auch in dem jetzigen Zustand nicht entgehen lassen sollte. Besonders beim Betreten des gewölbten Innenraumes spürt man auch heute noch, daß der Architekt ein sehr sicheres Empfinden für das ausgeglichene Verhältnis zwischen Raumhöhe und -breite besessen hat. Die sparsame Wandgliederung mit den kapitellförmigen Konsolen und dem krönenden Schlußstein des gotisierenden Kreuzrippengewölbes ist zu einem Beziehungsgefüge verschmolzen, bei dem senkrechte und gewölbte Wandflächen und plastisch gliedernde Schmuckelemente sich zu einem verhaltenen harmonischen Ganzen steigern, ohne jeweils selbst als plastischer Schmuck oder als Fläche zu dominieren. Zu erwähnen ist hier auch das unter den Fensterbrüstungen umlaufende und nur am Altar unterbrochene in Stuck plastisch ausgebildete Schriftband, das noch die Jahreszahl 1690 über dem Eingang und Teile einer lateinischen Inschrift enthält. Es ist bedauerlich, daß der untere Abschluß des Raumes in allerletzter Zeit stark gelitten hat. Er besteht aus einem Fußboden aus Sollingplatten, die rautenförmige Gestalt haben und, soweit man erkennen kann, aus der Mitte heraus sternförmig nach außen hin verlegt sind. Der untere Raumabschluß nimmt damit die Idee des Zentralraumes auf und der gesamte Innenraum wirkt wie eine nach allen Seiten hin beziehungsreich durchgestaltete Raumblase von sehr ausgeprägtem Charakter. Der Außenbau macht in der heutigen Form einen relativ schlichten Eindruck. Wenn man sich aber die vermauerten Fenster geöffnet denkt, dann spürt man auch hier die architektonische Qualität, und das reich gearbeitete Portal mit Girlanden und Weintrauben und dem inzwischen leider bereits herausgebrochenen Wappen im Bogenscheitel stellt sich nicht mehr so hervorstechend dar, so daß man auch am Außenbau, die geschweifte Dachhaube mit ihrem Dachreiter inbegriffen, die den gesamten Bau charakterisierende Ausgeglichenheit in den Proportionen durchaus wiederfinden kann.

Der Name der Kapelle und ihre einsame Lage am Hang des Räuschenberges verlangen eine kurze Erklärung. Der von 1678 bis 1696 regierende Corveyer Abt Christoph von Bellinghausen hatte auf Einreden des aus der Wetterau gebürtigen Weingärtners Johannes Rupen im Jahr 1680 mit der Anlage eines Weinberges begonnen. Im Lauf der Jahre wurde er auf 18 Morgen vergrößert. Außer einem großen Wohn- und Wirtschaftsgebäude für den Weingärtner baute sich der Abt oben am Berg ein kleines Häuschen, in dem er sich öfters zur Sommerzeit aufhielt. Ein großes Wohnhaus für ihn, das außer vielen Zimmern auch einen Saal und sogar eine Hauskapelle enthalten sollte, ist nie fertig geworden und wurde vom Abt selbst wieder abgerissen. In den Jahren 1689/90 erfolgte der Bau der Josephskapelle, die also damals im Zusammenhang mit mehreren Gebäuden stand im Gegensatz zur heutigen Situation.

Da der Weinbau nach anfänglich guten Erfolgen, auf die Dauer gesehen, ein klägliches Ende nahm, verlor der Abt schließlich die Lust an seiner Liebhaberei, die ihm wegen ihrer Kostspieligkeit von Anfang an scharfe Opposition im eigenen Konvent eingebracht hatte. Nach seinem Tode wurde der Weinbau bald eingestellt und die am Hang gelegenen Ländereien wurden als Ackerland verpachtet. Der Weinbaubetrieb soll insgesamt die enorme Summe von über 15000 Talern verschlungen haben. Da im Lauf der Zeit alle damit zusammenhängenden Anlagen bzw. Gebäude abgerissen wurden oder verfielen, blieb als einziger heute noch sichtbarer Rest die Weinbergskapelle übrig.

2. Nutzung 

Nun ist die kunsthistorische Bedeutung der Weinbergs- oder Josephskapelle nie bestritten worden, zumal sie von A. Ludorff schon 1914 in die „Kunstdenkmäler des Kreises Höxter“ mit Bild und Grundriß aufgenommen wurde und auch seitens des Denkmalschutzes die Beihilfefähigkeit anerkannt ist. Wenn die Bemühungen um ihre Erhaltung bislang trotzdem nicht zu entsprechenden Baumaßnahmen geführt haben, dann lag es vor allem daran, daß eine den Kosten entsprechende Nutzung nicht mehr gesehen werden konnte und daß für die Instandhaltung auch schon in den Jahren nach dem Kriege, als die alljährliche Prozession zur Weinbergkapelle noch einen festen Platz im Gemeindeleben von St. Nicolai hatte, viel Mühe und Geld aufgewendet werden mußten, um mit den Folgen von natürlicher Alterung und mutwilliger Zerstörung fertigzuwerden.

Wie bei allen anderen historischen Bauten auch, geht es hier also darum, einen fruchtbaren Kompromiß zwischen gegebenen Möglichkeiten des alten Gebäudes, zeitgemäßen Nutzungsformen und den aufzubringenden Mitteln zu finden.

Die Überlegungen zur möglichen Nutzung der Kapelle gingen im Vorstand des HVV davon aus, daß ihre Funktion als Kirchenraum erhalten bleiben sollte und daß möglichst breite Bevölkerungsschichten dabei beteiligt sein sollten. Es lag also nahe, zu prüfen, wie weit auf ökumenischer Basis Interesse an der Inanspruchnahme dieses Raumes bestand. Entsprechende Kontaktaufnahmen und Vorgespräche mit Vertretern der Kirchen, Freikirchen und christlichen Vereine in Höxter haben inzwischen gezeigt, daß eine allgemeine Bereitschaft vorhanden ist, an einer derartigen Wiederbelebung der Weinbergkapelle mitzuwirken, und daß eine umfangreichere Nutzung durchaus erreicht werden kann, wenn die vielen vorhandenen Gruppen einen kleinen Teil ihrer Aktivitäten einmal hierher verlegen oder bestimmte Veranstaltungen diesem besonderen Rahmen anpassen oder vielleicht sogar, durch die besondere Lage und den kreisförmigen Zentralraum angeregt, zu neuen Aktivitäten finden.

Um die Tragfähigkeit dieses Nutzungskonzeptes zu prüfen, soll die Wiederherstellung zunächst nur soweit durchgeführt werden, daß die Besucher der Kapelle nicht mehr gefährdet sind und witterungsbedingte Schäden am Bau ausgeschlossen sind. Die weitere Renovierung soll dann davon abhängig gemacht werden, wie intensiv die Bürger im Rahmen ökumenischer Veranstaltungen das Gebäude mit Leben füllen können.

Auf den Nutzen, den die Erhaltung derartiger Baudenkmäler für den Fremdenverkehr und unser eigenes Selbstwertgefühl hat, kann hier aus Raumgründen nur ganz kurz hingewiesen werden. Was z. B. die Erhaltung unserer Stadtmauer, unserer Fachwerkhäuser, unserer Höxterplatten, unserer Mauern und Steinplankenzäune, unserer Bäche, Warten und Aussichtstürme uns oder unseren Gästen nützt, kann man natürlich nicht in DM ausdrücken, aber wenn wir uns vorstellen, daß wir derartige historisch gewachsene Eigentümlichkeiten überhaupt nicht hätten, dann merken wir nicht nur, wie notwendig ihre Erhaltung und Pflege für unser eigenes Wohlbefinden ist, sondern auch, daß wir dann allerdings eine zeitlos langweilige Stadt wären, die auf künstlichen Rummel tatsächlich angewiesen wäre, wenn sie ihren Gästen etwas bieten wollte.

Trotz aller Verluste der Vergangenheit sind wir das nun eben nicht, sondern wir haben vielleicht nur ein bißchen aus den Augen verloren, was unsere Besonderheiten, das für unsere Stadt und für das Corveyer Land Typische ausmacht, sozusagen unser geerbtes Vermögen in heimatlicher und fremdenverkehrsbezogener Sicht etwas vernachlässigt. Die Erhaltung der Weinbergkapelle sollte in diesem Sinne als Wuchern mit den uns anvertrauten Pfunden verstanden werden, denn neben den bereits erwähnten Qualitäten setzt sie im Zusammenhang mit Corvey und Nachtigall auch einen bemerkenswerten landschaftspflegerischen Akzent, wenn man den Wald, der sie heute verbirgt, entsprechend behutsam auslichtet.

3. Kosten

Natürlich verursacht die Renovierung der Weinbergkapelle inzwischen nicht unerhebliche Kosten, weil durch Mauerrisse, durch mutwillige Zerstörung am Portal, an Fenstern, am Altar, an den Wänden und am Fußboden und durch Witterungseinflüsse am Dach und am Außenputz immer mehr Schäden entstanden sind. Die benötigten Mittel sollen nach Vorstellung des HVV durch Spenden und Eigenleistungen aufgebracht werden, um auch einmal das Verantwortungsgefühl aller in Höxter anzusprechen und um vielleicht einen Prozeß einzuleiten, der ähnlich wie bei St. Anna in Bödexen zu tatkräftiger Identifikation mit dem heimatlichen Kulturerbe führen könnte. In diesem Sinne hat sich die Corveyer Verwaltung im Auftrage des Eigentümers, des Herzogs von Ratibor, bereiterklärt, die Bauleitung, Einrüstung, Erstellung von Kostenvoranschlägen, Planierung des Geländes für Baufahrzeuge (spätere Nutzung für größere Freiluftgottesdienste), Beantragung von Zuschüssen aus Denkmalpflegemitteln usw. durchzuführen. Desgleichen liegen vom Handwerk bereits Zusagen vor, in Form von Eigenleistungen Spenden zu erbringen.

Die Bürger der Stadt, ihre Vereine, Firmen, Kirchen und Institute werden hiermit gebeten, sich ebenfalls an dieser Aktion zu beteiligen. Die Bewältigung gemeinsamer Aufgaben schafft Gemeinschaftserlebnisse, bildet Traditionen aus, läßt zwischenmenschliche Verbindungen wachsen, Wurzeln in unserer beziehungsarmen Zeit. Wer nicht nur beklagen will, sollte hier einmal produktiv mitmachen. Es ist der Wunsch des HVV, im Jahr seines 100-jährigen Bestehens mit dieser Initiative allen Höxteraner Bürgern eine Möglichkeit zu bieten, sich aktiv für die Pflege ihres eigenen überkommenen Lebensraumes durch tatkräftige Hilfe vor allem bei der späteren Nutzung und durch Finanzkräftige bei der Renovierung zu beteiligen.

Bei einem positiven Erfolg wird der HVV seine Aktivitäten bestätigt sehen und zukünftig weiter ausdehnen. Alle Bürger sind aufgerufen, ihren Beitrag beizusteuern. Einzahlungen werden erbeten auf das Konto der Stadt Höxter Nr. 3020294 bei der Sparkasse Höxter mit dem Vermerk: HVV Weinbergkapelle. Auf Wunsch werden Spendenquittungen zur Vorlage beim Finanzamt ausgestellt.

Hans Elsner  1983 

Die Weinbergkapelle –

von der Historie über Verfall zum Wiederaufbau.

Der HVV wirbt um Spenden für den Wiederaufbau, um sie einer ökumenischen Nutzung zuzuführen.

 Dies war der Spendenaufruf in der Dezemberausgabe des HVV-Monatsheftes von 1983

Die Weinbergskapelle im Wandel der Zeiten

Die Geschichte der Kapelle und der 250 Jahre alten Prozession am Fest Mariä Heimsuchung

Seit 250 Jahren, nämlich seit dem Jahre 1703, findet am Fest Mariä Heimsuchung bzw. am Sonntag, der auf dieses Fest folgt, von der Nikolaikirche zu Höxter eine Prozession zur sogen. Weinbergskapelle statt. Diese sakramentale Prozession erfreut sich auch heute noch einer großen Beteiligung.

Im Jahre 1703 bat der Herr von Imbsen, ein Benediktinermönch der Abtei Corvey, im Auftrage des damaligen Fürstabtes Florentinus de Velde den Dechanten von Höxter um die Einführung dieser Prozession: Corvey sähe es gern, wenn von den Katholiken der Stadt Höxter am Fest Mariä Heimsuchung eine Prozession zur Weinbergskapelle gehalten würde „für eine gesegnete Ernte und zur Abwendung allen Uebels“, war doch dieses Fest schon seit der Erbauung der Kapelle stets in ihr festlich begangen worden. Gern gab der Dechant seine Zustimmung. Der Wunsch des Corveyer Fürstabtes wurde in der Stadt publiziert und die Pfarrangehörigen zu dieser Prozession eingeladen. Am 2. Juli des Jahres 1703 riefen morgens kurz vor acht Uhr die Glocken von St. Nikolai die Gläubigen zur Kirche, – es war noch jene alte Nikolaikirche, die am Glockenpfuhl lag. In der Prozession wurde auch die vergoldete Muttergottesstatue dieser alten Kirche mitgeführt. Nach der Singmesse in der Weinbergskapelle ging die Prozession durch die Fluren am Fuße des Räuscheberges – der Herr von Imbsen trug das Sanctissimum – dann zur Kapelle zurück, vor der der Segen gegeben wurde. In einer kurzen Predigt sprach hierauf der Dechant über den Sinn dieser neuen Prozession. Gegen Mittag zog die Prozession wieder in die Pfarrkirche ein, in der sie dann ihren feierlichen Abschluß fand.

In den 250 Jahren hat sich im Verlauf der Prozession nicht viel geändert; es unterbleibt aber der obenerwähnte Umgang durch die Felder. Auch heute noch geleiten alljährlich am Sonntag nach dem Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) Hunderte von Gläubigen das Sanktissimum mit Fahnen und Bannern unter Gesang und Gebet zur Weinbergskapelle, wohnen dem feierlichen Hochamt bei und lauschen im Schatten rauschender Kastanien den Worten des Festredners, um innerlich bereichert in die Stadt zurückzukehren.

1689-1690 erbaut

Die dem heiligen Josef geweihte Kapelle wurde von dem Corveyer Fürstabt Christoph von Bellinghausen in den Jahren 1689-90 erbaut. Hierauf weisen hin das Wappen dieses Fürstabtes über dem rundbogigen Eingangsportal an der Westseite (unter dem Wappen ANNO 1689) und das Schriftband im Innern der Kapelle: Princeps Christophorus litat haec sacra tecta Joseph, qui vigil has vites munit et arva soli. ANNO 1690. Fürst Christoph weiht diese heilige Stätte dem hl. Joseph, der wachsam diese Weinstöcke hütet und die Gefilde des Landes. Diese Inschrift bezieht sich auf den damals noch blühenden Weinbau an den Südhängen des Räuscheberges. Der Räuschenberger wurde bei Festlichkeiten in Corvey den Gästen kredenzt, bei Festgelagen in Höxter sprach man dem Räuscheberger Wein eifrig zu.

Die Weinbergskapelle, ein achteckiger Zentralbau, ist im Renaissancestil erbaut, mit geschweiftem Dach und Laterne. Im Innern ein kuppelartiges Gewölbe mit Rippen und Schlußstein. Der Renaissancealtar mit Säulenaufbau ist aus Holz. Die Fenster der Kapelle, zum Teil vermauert, sind rundbogig. Die Glocke der Kapelle stammt aus dem Jahre 1717. Wie aus ihrem Schriftband hervorgeht, ließ sie Fürstabt Maximilian vom Meister Heinrich gießen.

In guten und bösen Zeiten

In den Jahrhunderten ihres Bestehens hat die Weinbergskapelle manche Plünderung hinnehmen müssen. Aus Zerstörungswut und leichtsinnigem Uebermut erbrach man wiederholt die Tür, ruinierte die Ausstattung, warf die Fenster ein und beschädigte das Dach. Im Sommer des Jahres 1822 war die Kapelle arg zerstört. Sie wäre verfallen, hätte nicht Corvey, dem als Patron der Kapelle die Unterhaltungspflicht obliegt, für ihre Wiederherstellung gesorgt.

Seit der Erbauung der Weinbergskapelle sind das Fest des hl. Josef und das Fest Mariä Heimsuchung, das 13 Jahre nach der Einweihung der Kapelle durch die erwähnte Prozession ausgezeichnet wurde, Höhepunkte in ihrem Leben gewesen. An diesen Festtagen wurde von der Pfarrgeistlichkeit und den Minoriten, später von anderen, auswärtigen Patres, in der Kapelle Beichte gehört, das Meßopfer dargebracht und gepredigt. Am St.-Josefs-Tag fiel in der Pfarrkirche zu Höxter die Siebenuhrmesse aus; der Dechant oder einer der Vikare zelebrierte in der Weinbergskapelle. Erst im vergangenen Kriege sah man infolge der unsicheren Zeitverhältnisse von diesem jahrhundertealten Brauch ab.

Im 18. Jahrhundert ging auch noch am Dienstag in der Karwoche von Höxter eine Bittprozession zur Weinbergskapelle. D. P.

Entnommen der Heimatbeilage „Paderborner und Corveyer Land“ der Westfalen-Zeitung vom September 1954.